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Georg Restle

Georg Restle ist seit 2012 Redaktionsleiter und Moderator des Politmagazins Monitor. Das mittlerweile über 50 Jahre alte Magazin des WDR steht für investigativen Journalismus wie kaum ein anderes TV-Format. Die erhoffte Wirkung auf die aufwendig recherchierten Stories bleibt allerdings oft aus. Im Interview sprach Georg Restle mit uns über die größten Herausforderungen des investigativen Journalismus und wie man diese angehen kann.

Georg Restle wurde 1965, im Jahr der Erstausstrahlung von Monitor, in der Nähe von Stuttgart geboren. Seine Eltern gehörten zu den vielen Millionen Zuschauern, die die Sendung damals regelmäßig schauten. Ab 1987 studierte Restle Rechtswissenschaften in Freiburg, danach Internationales Recht in London. Schon früh war ihm aber klar, dass er keinen klassischen Juristenberuf ergreifen wollte.

Stattdessen wollte er als Journalist etwas bewegen. Dafür sei das Jurastudium die geeignete Vorbereitung gewesen. „Wer über Politik berichten möchte, muss sich zumindest mit den Grundfragen der Rechtswissenschaften auseinandergesetzt haben“, sagt er im Interview. Seine Kenntnisse des deutschen Rechts seien ein Grund gewesen, warum ihm der WDR nach Abschluss seines Studiums 1994 einen Volontariatsplatz anbot.

Während des Volontariates arbeitete Restle zum ersten Mal in der Monitor-Redaktion, damals unter Leitung von Klaus Bednarz. Diese Zeit bestätigte ihn in seinem Wunsch, investigativ arbeiten zu wollen. Nach dem Volontariat produzierte Restle zahlreiche Filme für verschiedene WDR-Sendungen bis er 2000 fester Teil der Monitor-Redaktion wurde, mittlerweile übernommen von Sonia Mikich.

Diese Stelle gab er erst auf, als ihm 2010 die Auslandskorrespondenz in Moskau angeboten wurde. Das Ausland habe ihn schon immer gereizt und er habe viel gelernt während seiner Zeit in Russland. Doch als ihm 2012 die Leitung der Monitor-Redaktion angeboten wurde, zögerte Restle nicht, nach Köln zurückzukehren. Seitdem arbeitet er daran, bewährte Standards mit neuen Konzepten zu verbinden.

Ist investigativer Journalismus zu unsexy für das Internet?

Eines der ersten Projekte, das Georg Restle als Leiter der Monitor-Redaktion anging, war die Onlinepräsenz des Magazins zu stärken. Im linearen Fernsehen erreicht die Sendung mittlerweile nur noch knapp drei Millionen Zuschauer. Zudem ist der Durchschnittszuschauer über 60 Jahre alt. Die Zuschauerzahlen werden also kaum wachsen.

Deshalb stecke er 30 Prozent seiner Arbeitszeit in die Online-Aufbereitung der recherchierten Stories. Trotzdem bleibt die erhoffte Reaktion oft aus. „Die Komplexität, für die wir stehen, lässt sich einfach nicht auf 140 Zeichen verkürzen“, so Restle. Es werde aber daran gearbeitet, die komplexen Themen immer online-gerechter aufzubereiten. Ein Bericht über die Auswirkungen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Brennelementesteuer heiße deshalb online „Nachschlag für die Atomkonzerne von der Bundesregierung“. Das klinge deutlich sexier. Mittlerweile erreicht Monitor Klickzahlen von bis zu sechs Millionen auf Facebook und liegt damit auf Platz 1 im Vergleich der Politmagazine.

Die Illusion der Neutralität

Neben Monitor-Beiträgen erreicht Georg Restle online auch mit seinen Tagesschau-Kommentaren viele Zuschauer. Viele schätzen an ihm, dass er sich so stark profiliert. Andere werfen ihm mangelnde Neutralität vor. „Neutralität gibt es nicht“, sagt Restle. Als Mensch könne man nie ganz neutral sein und auch als Journalist könne man immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigen. Dabei auf Ausgewogenheit und sorgfältige Recherche zu achten seien viel mehr journalistische Werte, auf die Restle bei seiner Arbeit wert lege.

Doch stellt er sich mit seinen Kommentaren nicht zu sehr in die linke Ecke und vergrault so potenzielle Zuschauer? Ganz im Gegenteil, meint Restle. Durch ihre klar regierungskritische Haltung würde die Sendung mittlerweile sogar von Rechten zitiert werden. Das störe ihn zwar, doch genauso wenig wolle er nur von Linken wahrgenommen werden. Er könne sich gut mit einem Satz von Klaus Bednarz identifizieren: „Ich stehe keiner Partei nahe. Ich stehe den Parteien nur verschieden fern.

Wann ist ein Thema überhaupt relevant für Monitor?

Georg Restle sei es wichtig, viel diskutierten Themen auf den Grund zu gehen. Wenn in den Massenmedien zum Beispiel berichtet wird, dass Flüchtlinge die Kommunen finanziell an ihre Grenzen bringen würden, fragt die Monitor-Redaktion direkt nach. So deckte das Magazin auf, dass nur sehr wenige Kommunen wegen Flüchtlingen unter finanziellem Druck stehen.

Außerdem frage sich Restle bei der Themenfindung immer: „Wo sind Lücken in der Berichterstattung?“ Ein Beispiel: Wenn sich die Berichterstattung über den Kampf gegen den IS darauf beschränkt, dass die irakische Armee immer größere Teile der Stadt Mossul zurückerobert, hat Monitor einen Reporter vor Ort, der darüber berichtet, wie viele Zivilisten diese Eroberung das Leben kostet.

Journalismus als verlängerter Arm politischer Kampagnen

Eine der größten Herausforderungen des Journalismus sei heute das Agenda Setting. Professionelle PR-Agenturen bestimmen, was auf der politischen Agenda steht und zu viele Journalisten würden diese Agenda übernehmen. „So machen sich Journalisten zum verlängerten Arm der Kampagnen, anstatt sie zu hinterfragen.“ Für das Hinterfragen bleibe in Zeiten der Digitalisierung keine Zeit. Es zähle meist nur, wer die Nachricht zuerst bringe.

Georg Restle ist froh, bei Monitor nicht unter solchem Druck zu stehen. Ohne Rundfunkbeiträge könne Monitor nie so unabhängig und intensiv recherchieren und folglich würden viele Missstände nicht aufgedeckt werden. „Eigentlich müsste es das, wofür wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk stehen, global geben.“ Sonst würde der Informationsfluss bald nur noch von Algorithmen à la Facebook bestimmt werden.

Worauf sollten angehende Journalisten achten?

Unabhängig vom Arbeitgeber müsse sich ein Journalist permanent weiterbilden, um komplexe Themen wirklich zu verstehen. Um diese Themen für die Öffentlichkeit interessant zu machen, solle man auch mal etwas wagen, die klassischen Methoden hinterfragen. Vor allem müsse man sich als Journalist heute noch öfter fragen: „Wer will mir was aus welchen Motiven erzählen?

Das Team
Antonius Tix, Leon Kaschel und Julia Güth

Fotos: WDR/ Fulvio Zanettini