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Rainer Hank

Seit 2001 leitet Rainer Hank das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S). Der Autor mehrerer Bücher diskutierte am 9. Juni 2016 bei den Wirtschaftsmachern über soziale Ungleichheit, Altersarmut und über die Talk-Show Anne Will, die ihm einen Auftritt in der ZDF-Satiresendung Heute Show bescherte.

Wer hinter dem Namen Rainer Hank steckt, haben die Studierenden in einem Einspieler dargestellt – nach Vorbild von Jan Böhmermann:

Die soziale Ungleichheit ist seit jeher ein immer wiederkehrendes Thema in allen Medien. Als Leiter des Wirtschaftressorts wird auch Rainer Hank häufiger damit konfrontiert, als ihm lieb ist. Dabei ist der 63-Jährige der Meinung, dass die Ungleichheit kein Ergebnis der menschlichen Produktivität sei. Wir, die Menschen, kämen bereits ungleich zur Welt – mit ungleichen Chancen. „Warum muss das also gerechtfertigt werden?“, fragt er in die Runde.

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Rainer Hank im Gespräch mit den Studierenden

Besonders weit verbreitet ist dabei die Metapher der Schere, die immer weiter auseinandergeht. Speziell in Deutschland liege Hank zufolge die zunehmende Spreizung allerdings nicht nur daran, dass die Reichen immer reicher werden. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte der Erfolg der Hartz-Reformen einen großen Anteil daran, dass die Lohneinkommensschere größer wurde. Denn man habe zwar viele Leute in Arbeit und Brot gebracht, doch sie erhalten keinen Spitzenlohn, wodurch das untere Segment der Einkommen stark vergrößert wurde.

Wohlstand trotz Krisen

Die viel spannendere Frage ist jedoch: Was bringt die Zukunft? Steigen die Löhne oder nimmt die Ungleichheit zu? Zerbricht die Schere aufgrund der stetigen Spreizung irgendwann? Können weltwirschaftliche Verwerfungen wie der Brexit oder ein China-Crash die deutsche Industrie in die Krise stürzen?

Hank: „Wenn man sich die letzten 200 Jahre Geschichte des wachsenden Wohlstands anschaut, dann ist aller konjunktureller Schwankungen zum Trotz, aller Weltwirtschaftskrisen zum Trotz in den 20er-Jahren, und aller Kriege zum Trotz der Wohlstand der Menschen gewachsen. Insbesondere in unseren Regionen in Europa, in Amerika, Australien und mittlerweile gottlob auch in Asien. Da ist es schon in der Rückschau ein starkes Argument zu sagen, die Menschen schaffen es sogar durch Krisen durchzukommen, die wir alle nicht erlebt haben und die sowohl wir alle als auch ihre Kinder hoffentlich nicht erleben werden.“

Ungleichheit war auch Thema in einer Ausgabe der ARD-Talkshow Anne Will, in der Hank zu Gast war. Dabei irritierte der Wirtschaftsressort-Leiter mit Aussagen zum 19. Jahrhundert. In den sozialen Netzwerken hagelte es danach Hasskommentare, die sich Hank nach eigener Aussage aber nicht zu Herzen nimmt:

„Wo kommen wir denn da hin, wenn man sich durch Beleidigungen von seinen Argumenten abbringen lässt?“

 

Rainer Hank nahm es mit Humor. Sich im Nachhinein zu beschweren, weil seine Aussagen aus dem Kontext gerissen worden sind, bringe nichts. Bei den Wirtschaftsmachern bekam Hank die Möglichkeit, seine Position nochmals zu erläutern. Moderator Julian Olk fragte vorsichtig: „Meinten Sie das alles wirklich ernst?“

Der allgemeine Medien-Konsens besagt, dass sich die Altersarmut in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weiter verschlimmern wird. Damit einher geht die Frage nach dem richtigen Alter für den Renteneintritt. Rainer Hank wurde zuvor bereits stark für die Aussage kritisiert, dass man doch bis 67 arbeiten solle. Die Studierenden hakten an dieser Stelle nach und gingen der Frage nach, ob er diese Aussage weiterhin vertritt und ob er dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble zustimme, der einst sagte, dass man auch mit 70 in Rente gehen könnte.

Hank: „Natürlich stehe ich dazu. Und wenn auch die schweren körperlichen Arbeiten abnehmen, weil wir dazu die Roboter haben, dann passt das doch zusammen. Der berühmte Dachdecker soll da zwar mit 70 nicht mehr stehen, aber er muss auch nicht mit 59 pensioniert werden. Er kann mit seinen Fähigkeiten woanders arbeiten. Darüber haben sich zwar auch alle lustig gemacht, aber warum soll er nicht im Baumarkt arbeiten? Er hat hohes Wissen, dass ich nicht habe. Und wenn ich in einen Baumarkt gehe und mich beraten lasse, dann weiß er genau, welche Schrauben und welche Dübel ich benötige.“

Kein Generalisieren

Dass ein Angestellter, der kurz vor seinem 60. Lebensjahr steht, so leicht eine Weiterbeschäftigung erhalten kann, hält die Gegenseite für ausgeschlossen. Genau in solchen Aussagen sieht Hank allerdings das große Problem. Dass aus diesem Einzelbeispiel des Dachdeckers ein kollektives Argument, eine aggregierte Entwicklung gezogen, und damit das gesamte Thema der Lebensarbeitszeitverlängerung von der Agenda genommen wird, passe einfach nicht zusammen. Es sei zudem absurd, dass sich eine Gesellschaft hinstellt und behauptet, sie müsste mit 60 in Rente gehen, da sie keinen Ziegelstein mehr heben könne, anschließend aber noch weitere 40 Jahre lebt. Absurd sei es dabei nicht nur aus den offensichtlichen ökonomischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Lebensgestaltung. Laut einigen Untersuchungen ist die Arbeit die beste Gesundheitsvorsorge. Aus diesem Grund befindet Hank die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als „die allerbeste“ Lösung.

Das Team

Christopher Holletschek, Christian Woop, Robert Tusch, Julian Olk, Lucas Tenberg, Dominik Reintjes

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Video: © ARD

Bilder: Christopher Holletschek.

Lisa Nienhaus

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ihre Sonntagsausgabe gelten als Flaggschiff des deutschen Printjournalismus. Lisa Nienhaus kennt die Erfolgsstrukturen hinter den Kulissen. Seit 2008 schreibt sie als Wirtschaftsredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die „mächtigen“ Themen der Wirtschaftswelt. Ende Juni war sie bei den „Wirtschaftsmachern“ zu Gast und sprach mit den Moderatorinnen Saskia Wöhler und Anjoulih Pawelka über die Herausforderungen der Wirtschaftsberichterstattung, ihre Arbeit als Redakteurin bei der FAS und über die Zukunft des Print-Flaggschiffs FAZ.

 

Ihre Arbeit bei der FAS begann Lisa Nienhaus zu Hochzeiten der Finanzkrise – für sie ein Karrieresprungbrett. Denn zwischen Insolvenzen, Finanzspritzen und Staatsverschuldung blieb für die „soften Themen“ nicht viel Platz. So lernte Nienhaus früh, „nah an der Macht“ zu arbeiten.

IMG_7515„Verbraucher- oder Familienthemen sind Frauenfallen. Wenn man als Frau in der Wirtschaft ganz nach oben will, dann darf nicht nur über die „netten“ Themen schreiben, sondern muss Themen wählen, die mit Macht verbunden sind.“

Bis vor kurzem war Nienhaus noch die einzige Frau in der Wirtschaftsredaktion der FAS. Mittlerweile sind sie zu dritt – und das ist auch gut so, findet Nienhaus. Trotzdem hatte sie nie Probleme, sich neben ihren männlichen Kollegen zu behaupten.

„Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt. Deshalb bin ich auch Pro Quote nicht beigetreten, als ich gefragt wurde. Eine Frauenquote ist meiner Meinung nach nicht zwingend notwendig.“

Bis heute schreibt Nienhaus über die „mächtigen“ Themen der Wirtschaftswelt: die Machenschaften der Bankenelite und die Wirrungen der Finanzpolitik – Themen die nicht nur sie selbst in ihrer Schulzeit als sehr abstrakt empfand. Das Interesse für Wirtschaftsthemen habe sich erst mit der Wirtschaftskrise merklich verändert, erinnert sie sich.

„Damals hat das Thema Wirtschaft ein Gespräch eher beendet als angeregt. Mit der Wirtschaftskrise hat sich das verändert: Heute beschert mir die Tatsache, dass ich diplomierte Volkswirtin bin, sogar diverse Partygespräche. Auf Feiern wollen Männer jetzt Anlagetipps oder etwas über Bankenpleiten wissen.“

Diesem Interesse entgegenkommen und komplexe Themen verständlich machen – darin sieht Lisa Nienhaus die Herausforderung für Wirtschaftsredakteure. Sie selbst  versucht daher, ihren Themen einen „anderen Dreh“ zu geben, sie auch einmal so zu erklären, dass ihre vierjährige Tochter sie versteht.

Bei Themen wie der Rentenreform oder der Eurokrise oftmals keine leichte Aufgabe. Erfolgstrategie der Redaktion daher: neue Formate ausprobieren. Zwar würden die Themen auch mit den Kollegen der FAZ abgesprochen, doch bei besonders originellen Ideen oder guten Recherchen spüre man auch schonmal den Konkurrenzkampf, gibt Nienhaus zu.
Wie frei man denn – bei so hohen Anforderungen – in der Themenfindung sei, wollten die Moderatoren wissen.

IMG_7517-682x1024„Natürlich stehen aktuelle Themen an erster Stelle. Als Wochenformat haben wir aber auch die Möglichkeit, längere Geschichten zu recherchieren und zu schreiben. Und gerade das macht besonders viel Spaß!“

Nach sechs Jahren fühlt sich Nienhaus in der Redaktion heimisch. Die Redaktionsstrukturen – insbesondere die Themendiskussionen – hätten ihre Arbeitsweise durchaus geprägt; als „FAZ-Ideologie“ würde sie diese Einflüsse allerdings nicht bezeichnen.
Für die FAS schreibt Nienhaus pro Woche ein bis zwei Artikel, hinter denen intensive Recherche und lange Hintergrundgespräche stecken. Der beste Zeitpunkt für Recherchetelefonate sei samstags, weil da die meisten hochrangigen Führungskräfte ein wenig Zeit hätten.
Für sie selbst dagegen beginnt gerade zum Wochenende der Stress des Redaktionsalltags.

„Einen Artikel vor Freitag zu schreiben macht wenig Sinn. Oft werden die Themen donnerstags umgeworfen oder erhalten plötzlich einen ganz neuen Dreh. Da ist dann freitags schon einmal eine „Nachtschicht“ angesagt.“

Mit der Aufbereitung der Artikel für die Website hat Lisa Nienhaus allerdings wenig zu tun. Nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel der EZB-Tagung, ist sie für beide Medien zuständig. Hier war sie eine von zwölf Journalisten, die hinter die Kulissen schauen durften. Mittagessen mit Mario Draghi inklusive.

IMG_7514-682x1024„Grundsätzlich sind Print und Online bei uns nicht sehr gut verzahnt. Wir reichen die Texte weiter und alles andere macht die Onlineredaktion.“

Auch privat hegt Nienhaus keine große Online-Affinität.

„Meiner Erfahrung nach herrschen im Print einfach die besten Bedingungen. Hier sind die Redakteure noch vor Ort. Das ist bei Online eher nicht so. Ich kenne dort niemanden der beispielsweise auf der Tagung der EZB war und mit Draghi persönlich sprechen konnte. Ich glaube auch nicht, dass Print ausstirbt.“

Kein Wunder also, dass sie die Online-Klickzahlen eher weniger interessieren. Dafür umso mehr die Leseanalysen für Print.

„Die Printanalysen sind viel spannender als Klickzahlen. Da kommen teilweise sehr interessante Ergebnisse heraus. Beispielsweise gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Leseverhalten von Frauen und Männern. Bei der letzten Analyse kam heraus, dass 0 % aller weiblichen Testleserinnen das Interview mit VW Chef Martin Winterkorn gelesen haben.“

Zur Person:


Kindheit und Jugend

Lisa Nienhaus wurde 1979 in Oberhausen geboren. Schon während ihrer Schulzeit stand der Berufswunsch Journalistin für sie fest. Für ihr Studium wollte sie unbedingt von zuhause ausziehen und auf eigenen Beinen stehen. Ihr großer Traum: als freie Journalistin in ganz Deutschland zu arbeiten.

Studium

Über ein Studium in Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften wollte sie in den Journalismus einsteigen, bemerkte aber noch während ihres ersten Semesters, dass ihre Interessen doch ein wenig anders lagen… Kurzerhand bewarb sie sich bei der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und bestand auch ohne journalistische Vorerfahrung den Aufnahmetest.

FAZ/FAS

Nach ihrem Abschluss an der Journalistenschule begann sie 2006 ein Volontariat bei der FAZ. Im Rahmen des Volos durchlief sie sämtliche Abteilungen der FAZ und lernte dabei auch die Wirtschaftsredaktion der FAS kennen und lieben. Seit 2008 ist sie nun Wirtschaftsredakteurin bei der FAS an und schreibt dort über Banken, Notenbanken und die Wirren der Gesundheitspolitik.

Berufliche Erfolge

Noch während ihrer Ausbildung an der Kölner Journalistenschule  wurde sie 2005 mit dem Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet.
2010 erschien ihr Buch „Die Blindgänger. Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“.

Text von Anjoulih Pawelka und Saskia Wöhler, Fotos von Ricarda Dieckmann