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Yasmin El-Sharif

Politikwissenschaft, Geschichte und Englische Philologie. European Business News in London, taz münster, Bloomberg, Tagesspiegel. Letztendlich führten Yasmin El-Sharif viele Wege nach Hamburg zu Spiegel Online. 

2009 fing sie als Redakteurin im Wirtschaftsressort bei Spiegel Online an, wurde zwei Jahre später stellvertretende Ressortleiterin und übernahm die Leitung im Oktober 2015. Yasmin El-Sharif war bei den Wirtschaftsmachern zu Gast. Sie sprach mit uns über die Nullzinspolitik von Mario Draghi, darüber, wie man junge Leute mit Wirtschaft erreichen kann, über die Themenfindung und Redaktionsarbeit, Kritik gegen die eigene Person und gegen die Arbeit, gute Berichterstattung und Tipps für junge Journalisten.

Es ist ein Thema, das jeden betrifft: Die Nullzinspolitik von Mario Draghi. Im März hat die EZB den Leitzins auf null Prozent gesenkt mit dem Ziel, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Gut für die Konjunktur, sagen die Einen, schlecht für die Sparer die Anderen. Yasmin El-Sharif steht dieser Politik kritisch gegenüber. „Ich glaube, dass wir diese Nullzinspolitik nicht auf Dauer beibehalten können. Aber im Moment sehe ich keinen anderen Ausweg, wenn wir nicht alle anderen Länder abhängen wollen, die eben derzeit nicht so gut dastehen.“

Yasmin El-Sharif stellt sich den Fragen von Moderatoren und Publikum.
Yasmin El-Sharif stellt sich den Fragen von Moderatoren und Publikum.

Wenn Banken Einlagen bei der EZB machen wollen, müssen sie dafür derzeit sogar zahlen, 0,4 Prozent sind es aktuell. Dieses Geld versuchen die Banken über die Weitergabe der Niedrigzinsen an Privatkunden wieder reinzuholen. Während auch die Zinsen für Kunden umstritten sind, sieht El-Sharif das nicht durchweg negativ. „Ich glaube, dass die Banken sehr wohl Gebühren erheben können; andere, transparente Gebühren wie Kontoführungsgebühren. Dann kann sich jeder Sparer eben überlegen, zu welcher Bank er geht. Aber ich finde, gerade auch beim Thema Sparbuch – das ist ja das, womit die Sparkassen seit Jahrzehnten werben – darf man nicht mit den Ängsten spielen. Natürlich müssen sie die Gebühren in irgendeiner Form weitergeben, aber nicht auf diese billige Art.“

Obwohl Yasmin El-Sharif nur noch selten Artikel für Spiegel Online schreibt, hat sie zur Reaktion der deutschen Sparkassen auf Draghis Nullzinspolitik einen Kommentar verfasst, in dem sie die Sparkassen für ihr Verhalten kritisiert. „Die Sparkassen posaunen seit Monaten gegen Draghis Politik und nutzen das eben auch, um ihre Lobbyarbeit zu betreiben, was natürlich ganz normal ist. Aber mich hat das so genervt, dass sie einfach immer wieder damit drohen, Negativzinsen für normale Sparer einzuführen. Natürlich müssen die Sparkassen ordentlich wirtschaften, aber sie werden nie im Leben dazu kommen, Negativzinsen für normale Sparer einzuführen. Und ich finde diese Drohung so dumm, so dämlich, dass man eben auch mit gewissen Ängsten von Sparern spielt.“

Doch genau solche Themen wie die Nullzins-Politik lassen den Bereich Wirtschaft als eher langweilig erscheinen. Das zeigte eine Umfrage unter Studenten auf dem Campus, die zwar SPON lesen, jedoch meistens nur die Schlagzeilen. Dazu hat El-Sharif eine klare Meinung:„Ich glaube, es muss viel früher anfangen, wenn Kinder eben noch nicht Spiegel Online oder bento lesen. In der Schule müsste vermittelt werden, dass Wirtschaft eigentlich ein Kernfach ist. Dann müssen wir irgendwann eingreifen, indem wir Wirtschaft so erklären, dass es auch Leute verstehen, die kein VWL studieren.“

Spiegel Online will dem mit mehr Erklärjournalismus gerecht werden. Mit einem neuen Format in den Ressorts Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sollen komplexe Themen einfach erläutert werden.

„Es gibt ja so Themen, wenn man da nicht rechtzeitig eingestiegen ist, kommt man da nicht mehr mit. Was ist da vor zehn Jahren passiert? Oh, das kann ich ja alles gar nicht mehr nachlesen. Und so geht es Leuten bei Griechenland oder bei der Brexit-Debatte, das betrifft vor allem wirtschaftspolitische Themen.

"Journalismus ist nicht immer nur 'ein cooler Reporter sein', sondern auch Schreibtischarbeit." - Yasmin El-Sharif über den Redaktions-Alltag bei SPON.
„Journalismus ist nicht immer nur ‚ein cooler Reporter sein‘, sondern auch Schreibtischarbeit.“ – Yasmin El-Sharif im Gespräch mit Jule Zentek und Maik Haubrich.

Um den Leser anzusprechen und ein breites Publikum zu erreichen, müssen auch die Themen passen. Bei Spiegel Online gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an die Themenfindung. Zum einen achte man auf Termine und überlege im Voraus je nach Größe und Relevanz der Veranstaltung, was man vorbereiten kann. Zum anderen werden auch Themen von anderen Medien auf die Agenda gesetzt, wie zum Beispiel die Panama Papers von der Süddeutschen Zeitung. „Da hecheln wir hinterher, was doof ist. Aber wir versuchen, neue Ansätze zu finden, versuchen, das eben auch so interessant zu machen, dass die Leser das bei uns lesen wollen. Wir haben natürlich auch Fachredakteure, die eigene Themen finden sollen und es auch tun und teilweise auch Trendgeschichten herauskramen.“

Konferenzen finden beim Spiegel generell getrennt in den Print- und Online-Redaktionen statt. „Wir haben unsere eigenen Themenkonferenzen, im Wirtschaftsressort konferieren wir jeden Morgen kurz und knapp, weil dann die größeren Konferenzen im Anschluss stattfinden. Im Idealfall haben wir immer noch eine Wochenkonferenz im Ressort, in der wir auch über längerfristige Projekte sprechen, größere Reportagen, und auch über Kapazitäten, weil wir nur zehn Leute sind. Da muss man natürlich auch sehr genau schauen, worauf man jemanden ansetzt und was man lieber weglässt.“

Flüchtlinge vom Mindestlohn ausschließen? "Absoluter Blödsinn. Damit spielt man Gruppen gegeneinander aus", sagt Yasmin El-Sharif.
Flüchtlinge vom Mindestlohn ausschließen? „Absoluter Blödsinn. Damit spielt man Gruppen gegeneinander aus“, sagt Yasmin El-Sharif.

Dementsprechend selten gibt es auch gemeinsame Projekte zwischen Print und Online. Yasmin El-Sharif sieht dennoch den Vorteil in so einer Zusammenarbeit. „Ich bin komplett dafür, dass wir mehr zusammenmachen. Ab und zu hat das jetzt auch funktioniert. Wir hatten eine große Armuts-Reportage, das war ein Gemeinschaftsprojekt mit den meisten Mitteln von Spiegel Online. Aber da hat das iPad-Team von Spiegel Online eine animierte Geschichte mit Fotos gemacht. Das ist toll und wurde auch von den Lesern begeistert aufgenommen. Aber sowas können wir nicht immer machen, solange es keine anderen Strukturen gibt, sodass nicht eine Seite über Gebühr belastet wird.“

Was schauen sich Studierende auf SPON an? Wirtschaft lag am Campus der TU Dortmund nicht auf den vorderen Plätzen.
Was schauen sich Studierende auf SPON an? Wirtschaft lag am Campus der TU Dortmund nicht auf den vorderen Plätzen.

Ich war von allen Praktikanten auch schon in der Tagesspiegelzeit regelrecht überwältigt. Manchmal würde ich mir trotzdem ein bisschen mehr Respekt vor der eigentlichen Arbeit wünschen. Natürlich ist Journalismus nicht immer nur ‚ein cooler Reporter sein’, sondern es ist auch Schreibtischarbeit. Es ist auch teilweise langweilig, irgendwelche Datenreihen auseinanderzupflücken und technische Sachen umzusetzen. Aber ansonsten würde ich den Rat mitgeben, dass man sich vom so vielen Negativmeldungen aus Verlagshäusern in Deutschland nicht abschrecken lassen soll.

„Ich glaube, dass der Journalismus eine große Zukunft hat. Dafür braucht man gute junge Leute, die neue Ideen haben und für junge Menschen schreiben, weil sie die Probleme und Herausforderungen junger Menschen viel besser verstehen. “ Sie habe die Erfahrung gemacht, dass viele junge Praktikanten noch unsicher in ihrer Berufswahl sind. Sie rät, nicht zu schnell aufzugeben: „Ich habe gemerkt, dass viele denken, da verdient man nichts Ordentliches mehr und die Jobs sind alle unsicher. Aber das ist falsch, weil der Journalismus auch die schwierigsten Zeiten überleben wird und dafür braucht man sehr gute Leute.“

 

Das Team

Hannah Steinharter, Jule Zentek, Viktor Mülleneisen, Cedrik Pelka, Lara Wantia, Maik Haubrich

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Beitragsbilder: Valentin Dornis/Hannah Steinharter

 

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