Dirk Laabs

„Ich habe schon mit Islamisten, Mördern und allen möglichen Leuten – sogar Politikern – geredet.“ Eine kritische Haltung ist das oberste Gebot des Investigativjournalisten Dirk Laabs. Im Wirtschaftsmacher-Talk berichtet er von seinen preisgekrönten Enthüllungen zu krummen Geschäften der Deutschen Bank, seiner Ausbildung bei der Henri-Nannen-Schule und der Arbeit als investigativer Journalist.

Seine ersten journalistischen Texte hat Dirk Laabs noch in der Bibliothek auf der Schreibmaschine verfasst und der Redaktion der Hamburger Morgenpost per Telefon durchgegeben. Mittlerweile dreht er Dokumentarfilme für ein Millionenpublikum.

Das letzte große Projekt, mit dem Dirk Laabs deutschlandweit für Aufsehen sorgte, waren seine Enthüllungen zum Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Aust porträtiert er im 2014 veröffentlichten Buch „Heimatschutz“ und der dazugehörigen Fernsehdokumentation „Der NSU-Komplex“ die Entwicklung der Terrorzelle. In ihren Produktionen zeigen Laabs und Aust das Versagen des Verfassungsschutzes bei der Verfolgung des NSU. Die umfänglichen Erkenntnisse zu Ermittlungsfehlern, der teils gescheiterte Einsatz von V-Leuten in der rechten Szene und die unzureichende Kommunikation zwischen Behörden führten die Journalisten weiter, als sie es erwarteten. Sie wurden in NSU-Untersuchungsausschüsse des Bundestags sowie mehrere Landesparlamente geladen. Dort wurden sie von der Politik als Sachverständige angehört. Laabs erzählte, dass er sich mit dieser Rolle nicht anfreunden konnte. Zudem kritisierte er die Berichterstattung anderer Medien, die das Geschehen rund um den NSU häufig auf den Satz „der Verfassungsschutz war auf dem rechten Auge blind“ verkürzen. Dagegen wehrt sich Laabs.

„Bei komplexen Geschichten sucht man eine einfache Narration, einen einfachen Nenner.“

Bei Recherchen auf Widerstände zu stoßen, ist nichts Ungewöhnliches für einen Investigativjournalisten – auch Laabs kennt dieses Problem. Als er sich mit den Machenschaften der Deutschen Bank beschäftigt hat, war es einfach, auf Anklägerseite Gesprächspartner zu finden. Geprellte Goldhändler, Experten vom Wall Street Journal – alle wollten mit ihm reden. Doch die Deutsche Bank schwieg lange. Zwar erklärten sie sich zu Hintergrundgesprächen bereit, bei denen Laabs dann die Führungsspitze und ihre Position kennen lernen konnte. Für seinen Film verwenden durfte er die Informationen aber nicht. Im Gespräch erklärte er, was das für einen Film und für einen Journalisten bedeuten kann. Und sagte auch, wie er sich zur Wehr setzte, als die Deutsche Bank ihn nicht mehr bei ihren Pressekonferenzen haben wollte.

„Wie funktioniert das als Investigativjournalist?“, fragen sich viele angehende Journalistinnen und Journalisten. Wie findet Laabs zum Beispiel Informanten? Bevor der Filmemacher bei jemandem anruft, liest er sich erst einmal sehr intensiv in sein Thema ein. Bei der Deutschen Bank zum Beispiel habe er das erste halbe Jahr während der Recherche gar nicht verstanden, worum es ging. Seine Erkenntnis: „Das ist manchmal frustrierend, aber das muss man dann auch zulassen.“

Außerdem sei ihm sehr wichtig, dass die Interviewpartner sich nicht ausgefragt oder abgeschöpft fühlen. Er wolle sich immer so gut auskennen, dass die Zeitzeugen das Gefühl hätten, sie redeten mit jemanden, der dabei gewesen wäre. „Es geht damit los, dass ich versuche, mir fast alle Namen zu merken – Abteilungen, Abläufe, Daten“, erinnert er sich an seine Recherchen bei der Deutschen Bank. Professionell Arbeitende würden professionelle Arbeit eben wertschätzen. Dabei müsse man sich immer bewusst sein, dass das viel Zeit in Anspruch nehme.

„Das ist extremes Journalistendenken.“

Sich aber genau durch diese Unsicherheit zu quälen, hat der Journalist von älteren Kollegen gelernt. Das erste Mal, als er investigativ tätig wurde, war nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.

Bei Themen, die nicht durch konkrete Ereignisse gegeben werden, ist es manchmal schwierig, spannende Aspekte zu finden. Man dürfe nicht immer den Ehrgeiz haben, nur Neues recherchieren zu wollen, meint Laabs. Auch Redaktionen bemängeln an Themen, dass sie am Vortag in einem anderen Medium schon erschienen sind. Das sei „extremes Journalistendenken“.

Zu Beginn seiner journalistischen Karriere war Laabs noch nicht im investigativen Bereich tätig. So berichtete er für die Hamburger Morgenpost über Konzerte und arbeitete anschließend für den Musiksender MTV. Zeitgleich begann er, Jura und Philosophie zu studieren, fühlte sich im Hörsaal aber nicht richtig wohl. 1999 bewarb er sich also bei der Henri-Nannen-Schule und wurde zum Test eingeladen. „Dabei hatte ich auf einmal ein totales Blackout. Wir sollten eine Reportage schreiben. Plötzlich waren nur noch fünf Minuten auf der Uhr und ich dachte, wir hätten noch eine Dreiviertelstunde! Da habe ich den Test dann noch schnell irgendwie zu Ende gebracht“, erinnert sich Laabs an die Prüfung. Trotzdem wurde er an der Schule angenommen und schloss seine Ausbildung 2001 erfolgreich ab. „Ich denke, es gibt keinen Königsweg in den Journalismus. Das ist ein Handwerk, das man praktisch lernen muss. Da ist es letztlich egal, ob in der Uni oder in einer Journalistenschule. Generell ist ein Fachstudium natürlich hilfreich, aber auch kein Muss“, sagt Laabs.

„Journalisten sind Chronisten.“

In Beiträgen Lösungen für Probleme anbieten? Laabs sieht das anders: „Ich sehe das nicht als erste Rolle des Journalismus.“ Für ihn ist klar, dass Journalisten bei ihrer eigentlichen Aufgabe bleiben sollen – und das sei die Offenlegung und Darstellung von Informationen. Nach dieser Aufbereitung könnten sich die Rezipienten eine eigene Meinung bilden. Vorgefertigte Lösungen der Autorinnen und Autoren sieht Laabs deshalb kritisch. Doch die Entwicklung, dass manch einer genau das fordert, sei sehr interessant. Im Gespräch berichtet er deshalb auch von persönlichen Erfahrungen – und wieso Journalisten eigentlich Chronisten sind.

„Angebot & Nachfrage“ mit Dirk Laabs

Das Team

Janis Beenen, Mona Fromm, Hendrik Frost, Timo Halbe, Thorben Lippert und Lia Rodehorst

 

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