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Susanne Amann und Marc Beise

Gleich zwei Gäste diskutierten zum Auftakt der Wirtschaftsmacher-Reihe 2015 über den Zustand des Wirtschaftsjournalismus, Online als Aufgabe und Themen im Schatten der Eurokrise.

Zum Auftakt der Wirtschaftsmacher-Reihe 2015 gab es gleich ein Novum: Zum ersten Mal kamen mit Susanne Amann vom Magazin Der Spiegel und Marc Beise von der Süddeutschen Zeitung zwei Gäste zu einer Veranstaltung nach Dortmund. Eine Neuerung, die sich durch terminliche Schwierigkeiten ergab – aber ein interessantes Aufeinandertreffen zweier selbstkritischer Meinungsmacher ermöglichte.

Denn immer wieder forderten sich die beiden Gäste gegenseitig heraus, besonders Marc Beise beendete seine Antworten gern mit einer Spitze in Richtung von Susanne Amann und ihrem Arbeitgeber. Doch bei einigen Themen zeigten sich deutliche Parallelen zwischen dem Wochenmagazin und der Tagesszeitung.

Beise berichtete von inhaltlichen Veränderungen in seinem Ressort: „Wir merken, dass es sinnvoll ist, ein breiteres Themenspektrum zu haben, damit sich mehr Leute für Wirtschaftsthemen interessieren.“ Von einer Verflachung wollten beide aber nicht sprechen, eher von einer Anpassung an die Bedürfnisse der Leser:

DiWiMa 2015 - Tweet Amann lesefreundlicher

Bei den Themen Leserfreundlichkeit und Verflachung ging es auch um die Glaubwürdigkeit großer Medien. So verteidigte Marc Beise die oft kritisierten Verbindungen von Journalisten zu Wirtschaftsbossen oder Interessenverbänden: „Wir als Journalisten müssen diese Kontakte pflegen, weil sie uns den Zugang zu Informationen ermöglichen. Allerdings ist so etwas nur möglich, wenn man solche Informationen, zum Beispiel aus der Industrie, auch einordnen kann.“ Susanne Amann teilte diese Ansicht: „Auch wir beim Spiegel sind immer wieder in Kontakt mit Personen, die uns exklusive Informationen zukommen lassen. Das kann ein Vorteil sein, aber manchmal weiß man auch, warum man eine solche Information ausgerechnet jetzt bekommt.“

Es läge in der Verantwortung des Journalisten, sich nicht vereinnahmen zu lassen – eine schwierige Abwägung. So berichtete Amann von ihren Recherchen zur Schlecker-Pleite und der Entscheidung, wie man mit der Exklusiv-Information umgehen soll:

Online-Streit und kurze Wege

Dass sich der Online-Bereich im Journalismus nicht mehr isoliert vom Print betrachten lässt, darüber waren sich beide Gäste einig. Susanne Amann, die vor ihrem Wechsel zum Magazin selbst bei Spiegel Online gearbeitet hatte, erklärte: „Es ist ein großer Vorteil, die Onliner zu kennen. Das erlaubt kurze Wege bei Themen, die zweigleisig laufen sollen.“ Das sah Beise ähnlich:

DiWiMa 2015 - Tweet Beise Print und Online

Thematisch komme man sich nicht in die Quere, arbeite viel mehr zusammen: „Eine gemeinsame Redaktionskonferenz bringt dann oft noch eine ganz andere Sichtweise der Online-Kollegen hervor“, so Beise. Das sah er allerdings nicht immer so: Als Online-Chef Stefan Plöchinger 2014 in die Chefredaktion der SZ berufen werden sollte, war er einer der Ressortleiter, die dagegen protestierten. „Ich habe aber gelernt, dass es heute andere Anforderungen an einen Chefredakteur gibt als früher“, zeigte sich Beise versöhnlich. „Man braucht nicht nur Menschen, die starke Leitartikel schreiben können, sondern auch welche, die frische Ideen für die Zukunft mitbringen.“ Schließlich sei die Entwicklung des Journalismus im Online-Bereich aktuell eine der größten Herausforderungen für Medienunternehmen.

DiWiMa Grafik Auflagenzahlen

Eurokrise als Dauerbrenner

Die Eurokrise ist seit rund sieben Jahren eine der größten Herausforderungen der Wirtschaftsressorts. Wie hält man ein Thema über so lange Zeit für die Leser interessant? „Eine Figur wie Yanis Varoufakis war zumindest eine willkommene Abwechslung“, stellte Susanne Amann fest. Marc Beise sah das Problem vor allem in der Masse der Informationen: „Wir müssen eigentlich von jedem Treffen, von jedem noch so kleinen Schritt eine Meldung machen. Aber davon wollen wir ein wenig wegkommen, denn dadurch wird das Thema überpräsent.“

Schließlich gebe es im Wirtschaftsjournalismus viele weitere ähnlich wichtige Themen. „Die Entwicklungen im Bereich soziale Gerechtigkeit kommen zum Beispiel noch viel zu kurz“, bemängelt er. Amann dagegen ist überzeugt, dass europäische Themen im Wirtschaftsjournalismus in Zukunft noch häufiger auftauchen werden: „Die Bedeutung von Brüssel wird immer noch unterschätzt“, sagte sie, „die Berichterstattung wird ihr momentan noch nicht gerecht, auch personell. Die Anzahl der Korrespondenten ist im Vergleich zu den vielen Themen, die Brüssel liefert, viel zu gering.“

Anregungen der Zuschauer

Auf das Podiums-Gespräch folgte eine Diskussion mit den Zuschauern, in der es unter anderem um die Zusammenarbeit mit Medien aus anderen Ländern ging. „Warum nutzen Sie nicht die Ressourcen, die Zeitungen im Ausland haben, um mit einem ganz anderen Blickwinkel über Themen zu berichten?“, fragte Wolfram F. Richter, Professor am Lehrstuhl für Öffentliche Finanzen der TU Dortmund. „Sie könnten doch auf Basis eines Artikel-Austausches sehr kostengünstig von solchen Partnerschaften profitieren.“ Eine Anregung, die Marc Beise gerne mit nach München nahm: „Darüber haben wir ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht.“

 

Marc Beise


Studium

Dr. Marc Beise studierte von 1977 bis 1984 Volkswirtschaftslehre und Jura in Tübingen, Frankfurt am Main und Lausanne. Doch von Beginn an hatte er den Journalismus im Kopf – schon als Kind wollte er nur Journalist werden.


Journalistischer Werdegang

Während des Studiums – immer in den Semesterferien – absolvierte der in Mainz geborene Beise ein Volontariat bei der Offenbach-Post. Dort machte er auch seine ersten Schritte als Redakteur, zuletzt als Ressortleiter Politik, Wirtschaft und Nachrichten. Nach einer Zwischenstation bei einer DFG-Forschungsgruppe (1989-1995) arbeitete Beise für das Handelsblatt, ehe er 1999 zur Süddeutschen Zeitung wechselte.


Stationen bei der Süddeutschen Zeitung

Marc Beise begann als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft, seit 2007 leitet er die Wirtschaftsredaktion der SZ. Nach über 15 Jahren hat Beise nach wie vor zufrieden: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so lange bei einem Medium bleibe“, sagt er, „aber in der Zeit hat sich so viel geändert, dass es immer noch so spannend ist wie am ersten Tag.“


Susanne Amann


Studium

Susanne Amann, geboren 1976, zog es nach dem Abitur nach Leipzig: Dort studierte sie – mit einer Zwischenstation in Madrid – Journalistik und Politikwissenschaften. Neben Deutsch und Englisch spricht Amann auch Spanisch und Französisch.


Journalistischer Werdegang

Ihr Volontariat absolvierte Susanne Amann bei der taz, bei der sie auch später als Redakteurin arbeitete. Zwischendurch hospitierte sie bei Spiegel Online, ihrem späteren Arbeitgeber. Nach ihrer Zeit bei der taz arbeitete Amann zunächst als Pressereferentin im Familienministerium, anschließend für die Financian Times Deutschland.


Stationen beim Spiegel

Im Jahr 2007 fing Amann als Wirtschaftsredakteurin bei Spiegel Online an, ab Juni 2009 war sie Ressortleiterin. Anfang 2010 dann der Wechsel ins SPIEGEL-Wirtschaftsressort – ein Schritt, den inzwischen nur wenige Kollegen wählen, wie Amann sagt. „Ich habe es aber nie bereut“, betont sie. Im November 2013 trat Amann die Nachfolge von Thomas Tuma als stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsressorts an.


 

„Angebot & Nachfrage“ mit Marc Beise

„Angebot & Nachfrage“ mit Susanne Amann

 

Das Team

Selina Dicke, Lisa Oenning, Nora Wanzke, Leonidas Exuzidis und Valentin Dornis.

Video Susanne Amann: Riem Karsoua, Erik Acker, Feyza Bicakci, Dorothea Schmitz, Anna Kipnis und Inga Heidl.