Nienhaus hoch

Lisa Nienhaus

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ihre Sonntagsausgabe gelten als Flaggschiff des deutschen Printjournalismus. Lisa Nienhaus kennt die Erfolgsstrukturen hinter den Kulissen. Seit 2008 schreibt sie als Wirtschaftsredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die „mächtigen“ Themen der Wirtschaftswelt. Ende Juni war sie bei den „Wirtschaftsmachern“ zu Gast und sprach mit den Moderatorinnen Saskia Wöhler und Anjoulih Pawelka über die Herausforderungen der Wirtschaftsberichterstattung, ihre Arbeit als Redakteurin bei der FAS und über die Zukunft des Print-Flaggschiffs FAZ.

 

Ihre Arbeit bei der FAS begann Lisa Nienhaus zu Hochzeiten der Finanzkrise – für sie ein Karrieresprungbrett. Denn zwischen Insolvenzen, Finanzspritzen und Staatsverschuldung blieb für die „soften Themen“ nicht viel Platz. So lernte Nienhaus früh, „nah an der Macht“ zu arbeiten.

IMG_7515„Verbraucher- oder Familienthemen sind Frauenfallen. Wenn man als Frau in der Wirtschaft ganz nach oben will, dann darf nicht nur über die „netten“ Themen schreiben, sondern muss Themen wählen, die mit Macht verbunden sind.“

Bis vor kurzem war Nienhaus noch die einzige Frau in der Wirtschaftsredaktion der FAS. Mittlerweile sind sie zu dritt – und das ist auch gut so, findet Nienhaus. Trotzdem hatte sie nie Probleme, sich neben ihren männlichen Kollegen zu behaupten.

„Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt. Deshalb bin ich auch Pro Quote nicht beigetreten, als ich gefragt wurde. Eine Frauenquote ist meiner Meinung nach nicht zwingend notwendig.“

Bis heute schreibt Nienhaus über die „mächtigen“ Themen der Wirtschaftswelt: die Machenschaften der Bankenelite und die Wirrungen der Finanzpolitik – Themen die nicht nur sie selbst in ihrer Schulzeit als sehr abstrakt empfand. Das Interesse für Wirtschaftsthemen habe sich erst mit der Wirtschaftskrise merklich verändert, erinnert sie sich.

„Damals hat das Thema Wirtschaft ein Gespräch eher beendet als angeregt. Mit der Wirtschaftskrise hat sich das verändert: Heute beschert mir die Tatsache, dass ich diplomierte Volkswirtin bin, sogar diverse Partygespräche. Auf Feiern wollen Männer jetzt Anlagetipps oder etwas über Bankenpleiten wissen.“

Diesem Interesse entgegenkommen und komplexe Themen verständlich machen – darin sieht Lisa Nienhaus die Herausforderung für Wirtschaftsredakteure. Sie selbst  versucht daher, ihren Themen einen „anderen Dreh“ zu geben, sie auch einmal so zu erklären, dass ihre vierjährige Tochter sie versteht.

Bei Themen wie der Rentenreform oder der Eurokrise oftmals keine leichte Aufgabe. Erfolgstrategie der Redaktion daher: neue Formate ausprobieren. Zwar würden die Themen auch mit den Kollegen der FAZ abgesprochen, doch bei besonders originellen Ideen oder guten Recherchen spüre man auch schonmal den Konkurrenzkampf, gibt Nienhaus zu.
Wie frei man denn – bei so hohen Anforderungen – in der Themenfindung sei, wollten die Moderatoren wissen.

IMG_7517-682x1024„Natürlich stehen aktuelle Themen an erster Stelle. Als Wochenformat haben wir aber auch die Möglichkeit, längere Geschichten zu recherchieren und zu schreiben. Und gerade das macht besonders viel Spaß!“

Nach sechs Jahren fühlt sich Nienhaus in der Redaktion heimisch. Die Redaktionsstrukturen – insbesondere die Themendiskussionen – hätten ihre Arbeitsweise durchaus geprägt; als „FAZ-Ideologie“ würde sie diese Einflüsse allerdings nicht bezeichnen.
Für die FAS schreibt Nienhaus pro Woche ein bis zwei Artikel, hinter denen intensive Recherche und lange Hintergrundgespräche stecken. Der beste Zeitpunkt für Recherchetelefonate sei samstags, weil da die meisten hochrangigen Führungskräfte ein wenig Zeit hätten.
Für sie selbst dagegen beginnt gerade zum Wochenende der Stress des Redaktionsalltags.

„Einen Artikel vor Freitag zu schreiben macht wenig Sinn. Oft werden die Themen donnerstags umgeworfen oder erhalten plötzlich einen ganz neuen Dreh. Da ist dann freitags schon einmal eine „Nachtschicht“ angesagt.“

Mit der Aufbereitung der Artikel für die Website hat Lisa Nienhaus allerdings wenig zu tun. Nur in Ausnahmefällen, wie zum Beispiel der EZB-Tagung, ist sie für beide Medien zuständig. Hier war sie eine von zwölf Journalisten, die hinter die Kulissen schauen durften. Mittagessen mit Mario Draghi inklusive.

IMG_7514-682x1024„Grundsätzlich sind Print und Online bei uns nicht sehr gut verzahnt. Wir reichen die Texte weiter und alles andere macht die Onlineredaktion.“

Auch privat hegt Nienhaus keine große Online-Affinität.

„Meiner Erfahrung nach herrschen im Print einfach die besten Bedingungen. Hier sind die Redakteure noch vor Ort. Das ist bei Online eher nicht so. Ich kenne dort niemanden der beispielsweise auf der Tagung der EZB war und mit Draghi persönlich sprechen konnte. Ich glaube auch nicht, dass Print ausstirbt.“

Kein Wunder also, dass sie die Online-Klickzahlen eher weniger interessieren. Dafür umso mehr die Leseanalysen für Print.

„Die Printanalysen sind viel spannender als Klickzahlen. Da kommen teilweise sehr interessante Ergebnisse heraus. Beispielsweise gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Leseverhalten von Frauen und Männern. Bei der letzten Analyse kam heraus, dass 0 % aller weiblichen Testleserinnen das Interview mit VW Chef Martin Winterkorn gelesen haben.“

Zur Person:


Kindheit und Jugend

Lisa Nienhaus wurde 1979 in Oberhausen geboren. Schon während ihrer Schulzeit stand der Berufswunsch Journalistin für sie fest. Für ihr Studium wollte sie unbedingt von zuhause ausziehen und auf eigenen Beinen stehen. Ihr großer Traum: als freie Journalistin in ganz Deutschland zu arbeiten.

Studium

Über ein Studium in Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften wollte sie in den Journalismus einsteigen, bemerkte aber noch während ihres ersten Semesters, dass ihre Interessen doch ein wenig anders lagen… Kurzerhand bewarb sie sich bei der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und bestand auch ohne journalistische Vorerfahrung den Aufnahmetest.

FAZ/FAS

Nach ihrem Abschluss an der Journalistenschule begann sie 2006 ein Volontariat bei der FAZ. Im Rahmen des Volos durchlief sie sämtliche Abteilungen der FAZ und lernte dabei auch die Wirtschaftsredaktion der FAS kennen und lieben. Seit 2008 ist sie nun Wirtschaftsredakteurin bei der FAS an und schreibt dort über Banken, Notenbanken und die Wirren der Gesundheitspolitik.

Berufliche Erfolge

Noch während ihrer Ausbildung an der Kölner Journalistenschule  wurde sie 2005 mit dem Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet.
2010 erschien ihr Buch „Die Blindgänger. Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“.

Text von Anjoulih Pawelka und Saskia Wöhler, Fotos von Ricarda Dieckmann