Kategorie-Archiv: 2015

Malte Fischer

Regierungen und Parteien haben einen. Große Unternehmen auch. Und die Banken sowieso. Doch auch in den Medien ist dies ein gefragter Job – Chefvolkswirt. Malte Fischer war zu Gast bei den Wirtschaftsmachern, und er ist der Chefvolkswirt der „Wirtschaftswoche“. Halb Ökonom, halb Journalist – wie funktioniert der Spagat zwischen grauer Theorie und bunter Medienwelt?

Geboren in Gelsenkirchen, Wirtschaftswissenschafts-Studium in Bochum, sieben Jahre Konjunkturforschung am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Doch dann entschied sich Malte Fischer 1997 für den Journalismus. Nach einem Jahr in der Wirtschaftsnachrichtenagentur VWD ging er zur Wirtschaftswoche.  „Mir machte das Rechnen nicht so viel Spaß wie das Schreiben“, so Fischer. Und doch wird sein wissenschaftlicher Hintergrund in seiner Redaktion sehr geschätzt. So sehr, dass er schließlich zum Chefvolkswirt der Wirtschaftswoche ernannt wurde. „Natürlich kommen die Kollegen mit volkswirtschaftlichen Fragen zu mir. Sehr häufig, manchmal sogar zu häufig, aber das ist auch schließlich meine Aufgabe.“ Seine Rolle im Redaktionsalltag ist klar definiert.

Doch trotz journalistischer Schreibsamkeit sieht sich Fischer immer noch eher als Ökonom. Seine Schwerpunkte: Konjunkturforschung und Makroökonomie. Von Notenbankpolitik bis zur Griechenlanddebatte, Fischer beschäftigt sich mit vielen Themen. Eines davon ist auch unser Geldsystem, welches Fischer als großes Problem und auch als Krisenursache sieht. Als Mainstream-Ökonom sieht er sich mit einer solchen Sichtweise aber nicht.

Dennoch stellt Fischer fest: „Wirtschaft ist ein Minderheitsthema in Deutschland.“ Natürlich würde man gerne für die breite Masse berichten, aber bei harten volkswirtschaftlichen Themen ist die Zielgruppe in Deutschland klein. Trotzdem scheint die Wirtschaftswoche aber eine zahlungskräftige Zielgruppe zu treffen, die Auflagen steigen.

Fischer-Zitat-Einordnungen

Fischer ist verantwortlich für die traditionelle Rubrik „Der Volkswirt“, in der auf einigen Seiten volkswirtschaftliche Themen erklärt werden. In der Mitte des Heftes angeordnet, „der Volkswirt“ ist ein Markenkern der Wirtschaftswoche. Vor einigen Wochen gab es einen Relaunch, mit neuem Layout und neu strukturierten Inhalten. Doch die neue „Lila auf Gelb“-Farbgebung kommt nicht bei jedem gut an. „Es gab auch Leute, die das neue Design mit einer Viagra-Reklame verglichen haben“, so Fischer. Aber auch das neue Design sei an Lesern ausgiebig getestet worden.

Das neue Design des Markenkerns der Wirtschaftswoche polarisierte stark in der Redaktion.
Das neue Design des Markenkerns der Wirtschaftswoche polarisierte stark in der Redaktion.

Trotzdem – „der Volkswirt“ bleibt der wichtigste Markenkern der Wirtschaftswoche, wird schließlich durch die spezielle Farbgebung vom Rest des Heftes abgehoben. Doch der Relaunch bringt nicht nur ein neues Layout, auch die Heftstruktur wurde neu durchdacht. Neben weiterhin langen Geschichten sollen jetzt vermehrt kurze Artikel und Ein-Spalter im Heft zu finden sein. Laut Leserforschung wollen die Leser kürzere Artikel und schneller zum Punkt kommen. Das Zeitbudget des Lesers ist knapp, sagt Fischer. Trotzdem solle die Qualität darunter nicht leiden.

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„Angebot & Nachfrage“ mit Malte Fischer

Das Team

Anja Lordieck, Luisa Flicke, Malina Reckordt, Natalie Hornoff und Christoph Peters

 

Heike Göbel

Heike Göbel, FAZ, ist auch ohne Frauenquote leitende Redakteurin geworden und argumentiert auch deshalb gegen die gesetzlichen Vorgaben. Wie junge Leute ans Zeitungslesen gebracht werden sollen – da ist sie aber ratlos.

„Angebot & Nachfrage“ mit Heike Göbel

Der Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) gilt seit jeher als eines der hintergründigsten und qualitätsreichsten Ressorts im Print-Journalismus. Bereits seit April 1992 schreibt Heike Göbel für diesen Teil der FAZ. Seit mittlerweile 13 Jahren ist sie in der Frankfurter Zentrale verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik. Am 18. Juni war Heike Göbel zu Gast bei den „Wirtschaftsmachern“. Sie sprach über ihren bisherigen journalistischen Werdegang und über die Zukunft der FAZ.

Umfrage – Das sagen die TU-Studenten zur FAZ

Vor ihrer Zeit bei der FAZ volontierte Heike Göbel bei den Stuttgarter Nachrichten. Dort arbeitete sie drei Jahren lang in der Wirtschaftsredaktion. Zu dieser Zeit war das Wort Frauenquote – im Gegensatz zu heute – noch nicht in den Alltagsjargon übergegangen. Dennoch gelang Göbel der Aufstieg bis zur leitenden Redakteurin der FAZ. Vielleicht hat sie gerade deswegen eine ganz klare Meinung zu der Quote, die in Politik und Medien lange diskutiert wurde:

Heike Göbel berichtete bei den „Wirtschaftsmachern“ davon, dass die Leser vor allem die längeren und hintergründigen Berichte der FAZ schätzen würden. Das hätten Umfragen des Verlags ergeben. Die Artikel sollen so aber nicht komplex und unverständlich sein, sagte Göbel. Ziel sei es die Dinge auf den Punkt zu bringen. Vorwissen würde dabei aber nicht vorausgesetzt.

Den meisten Print-Medien in der Republik geht es ähnlich: die Auflage sinkt und die junge Generation sieht die gedruckten Produkte eher skeptisch. Auch für die FAZ stehen wegweisende Monate an. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, plant das Traditionsblatt einige Änderungen: Schon seit längerem wird über eine Pay-Wall auf faz.net diskutiert. Des Weiteren sei ein Projekt geplant, welches gerade für die jungen Menschen attraktiv sein soll, so Göbel. Genaue Details wollte sie bei den „Wirtschaftsmachern“ aber nicht verraten.

Doch wie finanziert die FAZ in Zukunft ihren Journalismus? Eine Frage, die nicht nur Heike Göbel Kopfzerbrechen bereitet. Die Kosten in Höhe von 35 Euro für das Monatsabonnement scheinen da nicht die optimale Lösung zu sein.

Deutliche Worte von Heike Göbel, die sich sichtlich Sorgen um die Zukunft der FAZ im Speziellen, aber auch um die Print-Medien im Allgemeinen macht. Momentan gilt die FAZ (noch) als ein Flaggschiff unter den deutschen Print-Medien – aber auch sie verliert immer mehr Leser. In diesem Zusammenhang spielt natürlich eine Rolle, dass jugendliche Leser ihre Informationen vor allem aus dem Internet ziehen – und dafür in der Regel auch kein Geld bezahlen möchten. Warum sich die Jugend immer weniger für die klassische Zeitung interessiert, ist auch Heike Göbel nicht ganz klar. Die Ursachenforschung beginnt für die Zeitungs-Liebhaberin schon in den eigenen vier Wänden:

Heike Göbel gewährte dem Publikum auch private Einblicke – und hatte während ihres Gesprächs einige Lacher auf ihrer Seite. Die Arbeit der FAZ hingegen soll durchweg seriös sein. Dazu gehört auch, dass die Redaktion nach außen mit einer geschlossenen – zumeist konservativ-marktliberalen – Stimme spricht. Die FAZ fährt da eine strikte Linie. Einige Kollegen müssen deshalb manchmal auch mit ihren eigenen Ansichten zurückstecken, berichtet Heike Göbel:

Heike Göbel sorgt also für eine einheitliche Meinung im Wirtschaftspolitik-Ressort der FAZ. Doch nicht immer sind sich Geschäftsführung und Redaktion einig. „Google verhält sich wie ein Senfhändler, der das Verteilen von Gratiswürsten propagiert“, sagte FAZ-Geschäftsführer Christian Lindner im Februar diesen Jahres und verurteilt damit die „Google News Initiative“, die Medienprojekte in Europa fördert. Jetzt ist die FAZ neben Spiegel-Online, der Deutschen Welle und weiteren Medienhäusern selbst Teil der „Google News Initiative“. Heike Göbel glaubt aber nicht, dass die Kooperation die FAZ-Berichterstattung über das Unternehmen Google verändert:

In der 90-minütigen Diskussion hat Heike Göbel einen interessanten Einblick in ihren Werdegang als Frau im Wirtschaftsjournalismus gegeben, gegen die Frauenquote argumentiert und ihre Sorgen über die alternde Leserschaft der FAZ ausgedrückt. Für alle Zuschauer war es eine interessante, lehrreiche und überraschende Ausgabe der „Wirtschaftsmacher“, die neue Denkanstöße über die Zukunft der Medien gegeben hat.

Das Team

Laura Bethke, Sinan Krieger, Till Kupitz, Michael Scheppe und Kai Steinecke

 

Tasso Enzweiler

Tasso Enzweiler hat jahrelang als Wirtschafsjournalist gearbeitet. Nach Stationen beim Manager Magazin und der Welt hat er die Financial Times Deutschland mit aufgebaut. Seinen Job hat er dabei so gut gemacht, dass er in das Visier der Deutschen Telekom geraten ist. Die hat ihn von Privatdetektiven beschatten lassen – unter anderem während er mit seinen Kindern auf dem Spielplatz war. Erfahren hat er davon erst Jahre später von einem ehemaligen Kollegen. Zu einem Zeitpunkt, an dem er dem Journalismus bereits den Rücken gekehrt hatte.

„Angebot & Nachfrage“ mit Tasso Enzweiler

 


Den Untergang der Financial Times Deutschland hat Enzweiler nicht mehr persönlich miterlebt. Im Jahr 2002 begann er für die Lobbyorganisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ zu arbeiten. Inzwischen hat er seine eigene PR-Agentur und steht wieder in Kontakt mit den Medien. Für ihn besteht ein Großteil seiner Aufgaben vor allem darin, seine Kunden davon zu überzeugen, mit den Medien zu sprechen. Und das kann ganz schön schwierig sein. 


Enzweiler sieht sich selbst als Kommunikationsberater und ist laut eigener Aussage in der Position, sich seine Kunden aussuchen zu können. Ein Angebot der Deutschen Telekom würde er aber trotz der Bespitzlung nicht ablehnen: „Das Unternehmen hat sich gewandelt.“ Bei seiner Kundenauswahl folgt er anderen Prinzipien.

Das Team

Karsten Kubow, Nico Hornig, Ben Schröder, Lisa Posorske und Andreas Neuhaus

Marcus Gatzke

Zeit Online gilt als eines der renommiertesten Onlinemedien Deutschlands. Marcus Gatzke gehört zu den verantwortlichen Redakteuren. Seit 2010 leitet der studierte Volkswirt das Wirtschaftsressort. Ende Mai diskutierte er bei den Wirtschaftsmachern mit den Moderatoren Lukas Arndt und Julian Rohr. Die Themen: die ewige Berichterstattung über Griechenland, das Verhältnis zwischen Journalisten und Lesern und die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter.

Marcus Gatzke – kurz vorgestellt

 

Studium

Marcus Gatzke studierte Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Gesamthochschule Wuppertal und in Nottingham. Sein Diplom in Volkswirtschaftslehre schloss er an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster ab.

Werdegang

  • 2000 – 2004 Redakteur – Netzeitung
  • 2004 – 2007 Ressortleiter – Netzeitung
  • 2007 – 2008 Redakteur Wirtschaft und Politik – stern.de
  • 2008 – 2010 stellv. Ressortleiter Wirtschaft und Politik – stern.de
  • seit 2010 Ressortleiter Wirtschaft/Karriere/Mobilität – Zeit Online

Privates

Marcus Gatzke lebt in Berlin. Er liebt Rockmusik und fotografiert in seiner Freizeit.

Griechenland – die unendliche Geschichte

 „Wird die Eurozone überleben?“ – Zeit Online 2010

„Europa muss mit Griechenland neu verhandeln“ – Zeit Online 2012

„Griechenland erhält weitere Milliardenkredite“ – Zeit Online 2014

Neue Verhandlungsrunden, neue Sparauflagen, neue Milliardenkredite: Die Griechenlandkrise scheint kein Ende zu nehmen. Seit Jahren prägt dieses Thema wie kein anderes die wirtschaftspolitische Berichterstattung. Auch Marcus Gatzke beschäftigt sich intensiv mit dem Thema.

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Viele haben von diesem Thema inzwischen genug. Kritiker sprechen gern von „Rudeljournalismus“. Der Vorwurf: Die Berichterstattung über Griechenland überdecke andere Themen. Gatzke widerspricht dieser Ansicht. „Die Griechenlandkrise ist nun mal eines der wichtigsten aktuellen Wirtschaftsthemen.“

„Daher müssen wir uns auch entsprechend ausführlich damit beschäftigen“, so der Ressortleiter. Er glaubt nicht, dass er seine Leser langweile, da Zeit Online immer wieder neue Entwicklungen in den Fokus nehme.

Leser + Journalist = Beziehungskrise?

In Zeiten, als es das Internet noch nicht gab, bestand in überregionalen Medien kaum Kontakt zwischen Journalisten und Lesern.  Nur ausgewählte Kommentare wurden in Form von Leserbriefen veröffentlicht. Rechtfertigen mussten sich Journalisten erst recht nicht. Das Internet hat dieses Verhältnis jedoch auf den Kopf gestellt: Leser können die Arbeit der Journalisten nun direkt kommentieren. Dabei sind sie oft alles andere als zimperlich.

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Einige Journalisten sprechen dann gerne von „Trollen“. Manche dieser Kommentare werden schnell wieder gelöscht. „Viele Leser kritisierten aber auch konstruktiv“, so Gatzke. „Wir erhalten gute Verbesserungsvorschläge“, betont er. „Das Internet bietet großartige Möglichkeiten zur Partizipation der Leser und es gehört zum professionellen Arbeitsalltag dazu, sich mit Leserkommentaren auseinanderzusetzen.“

Ein vorbildlicher Umgang mit Leserkommentaren? „Man hat nicht die Zeit, auf jeden Kommentar einzugehen“, räumt der Ressortleiter ein.

Reaktion auf Kommentare

Quo vadis, Journalismus?

Der Journalismus steckt in der Krise. Seit Jahren sinken die Reichweiten und damit auch die Einnahmen. Das Internet ist eine scharfe Konkurrenz für die traditionellen Medien, nicht nur für Zeitungen und Zeitschriften. Es ist schwierig, journalistische Inhalte im Internet zu vermarkten, weil sich längst eine Kostenloskultur eingebürgert hat. Nutzer wollen Inhalte nicht nur jederzeit und überall, sondern auch gratis abrufen können. Einige Medien haben inzwischen Bezahlschranken eingeführt, aber diese werfen bislang kaum Gewinn ab. Doch der Wirtschaftsressortleiter ist sich sicher: „Guter Journalismus wird sich auch weiterhin finanzieren können – durch  Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit!“

Ein weiteres Problem: Viele Nutzer gehen nicht mehr direkt auf die Seiten der Medien, sondern gelangen über Suchmaschinen und soziale Netzwerke zu den Inhalten. Was passiert, wenn Google, Facebook und Co ihre Algorithmen ändern? Bestimmen diese Unternehmen in Zukunft welche Nachrichten gelesen werden? Ein solches Szenario hält Gatzke für unwahrscheinlich.  „Aber wenn ein Nutzer über Facebook und Google bei uns auf eine Geschichte stößt, die ihm gefällt, merkt er sich das. Nach dem zweiten oder dritten Mal geht er dann auch direkt auf unsere Seite.“ Google und Facebook seien bloß weitere Kanäle, über die Inhalte verbreitet werden. „Im Internet gibt es viele Wege und eine Nachricht gelangt immer auf irgendeinem Weg zum Nutzer.“ Sein Leitsatz: Leserbindung durch eine starke Marke, die für Qualität steht.

Momentan bieten die Internetriesen den Medien Kooperationsmöglichkeiten. Google will sein Verhältnis zu den europäische Medien, das von Urheberrechtsstreitigkeiten geprägt war, verbessern. Der Suchmaschinengigant verspricht, mit seinem Förderprogramm Digital News Initiative den europäischen Onlinejournalismus mit 150 Millionen Dollar zu unterstützen. Auch Die Zeit ist mit dabei. „Unser Unabhängigkeit wird dadurch aber nicht gefährdet“, versichert Gatzke. Und er fügt hinzu: „Das können wir uns überhaupt nicht leisten. Wer würde denn noch unsere Artikel lesen, wenn wir nicht mehr unabhängig wären? Unsere Unabhängigkeit ist unser höchstes Gut.“

Medienkrise? „Guter Journalismus wird immer eine Zukunft haben!“ – Marcus Gatzke in seinem Schluss-Statement:

„Angebot & Nachfrage“ mit Marcus Gatzke


Das Team

Johannes Ahlemeyer, Julian Rohr, Lukas Arndt, Till Dörken und Richard Brandt

Susanne Amann und Marc Beise

Gleich zwei Gäste diskutierten zum Auftakt der Wirtschaftsmacher-Reihe 2015 über den Zustand des Wirtschaftsjournalismus, Online als Aufgabe und Themen im Schatten der Eurokrise.

Zum Auftakt der Wirtschaftsmacher-Reihe 2015 gab es gleich ein Novum: Zum ersten Mal kamen mit Susanne Amann vom Magazin Der Spiegel und Marc Beise von der Süddeutschen Zeitung zwei Gäste zu einer Veranstaltung nach Dortmund. Eine Neuerung, die sich durch terminliche Schwierigkeiten ergab – aber ein interessantes Aufeinandertreffen zweier selbstkritischer Meinungsmacher ermöglichte.

Denn immer wieder forderten sich die beiden Gäste gegenseitig heraus, besonders Marc Beise beendete seine Antworten gern mit einer Spitze in Richtung von Susanne Amann und ihrem Arbeitgeber. Doch bei einigen Themen zeigten sich deutliche Parallelen zwischen dem Wochenmagazin und der Tagesszeitung.

Beise berichtete von inhaltlichen Veränderungen in seinem Ressort: „Wir merken, dass es sinnvoll ist, ein breiteres Themenspektrum zu haben, damit sich mehr Leute für Wirtschaftsthemen interessieren.“ Von einer Verflachung wollten beide aber nicht sprechen, eher von einer Anpassung an die Bedürfnisse der Leser:

DiWiMa 2015 - Tweet Amann lesefreundlicher

Bei den Themen Leserfreundlichkeit und Verflachung ging es auch um die Glaubwürdigkeit großer Medien. So verteidigte Marc Beise die oft kritisierten Verbindungen von Journalisten zu Wirtschaftsbossen oder Interessenverbänden: „Wir als Journalisten müssen diese Kontakte pflegen, weil sie uns den Zugang zu Informationen ermöglichen. Allerdings ist so etwas nur möglich, wenn man solche Informationen, zum Beispiel aus der Industrie, auch einordnen kann.“ Susanne Amann teilte diese Ansicht: „Auch wir beim Spiegel sind immer wieder in Kontakt mit Personen, die uns exklusive Informationen zukommen lassen. Das kann ein Vorteil sein, aber manchmal weiß man auch, warum man eine solche Information ausgerechnet jetzt bekommt.“

Es läge in der Verantwortung des Journalisten, sich nicht vereinnahmen zu lassen – eine schwierige Abwägung. So berichtete Amann von ihren Recherchen zur Schlecker-Pleite und der Entscheidung, wie man mit der Exklusiv-Information umgehen soll:

Online-Streit und kurze Wege

Dass sich der Online-Bereich im Journalismus nicht mehr isoliert vom Print betrachten lässt, darüber waren sich beide Gäste einig. Susanne Amann, die vor ihrem Wechsel zum Magazin selbst bei Spiegel Online gearbeitet hatte, erklärte: „Es ist ein großer Vorteil, die Onliner zu kennen. Das erlaubt kurze Wege bei Themen, die zweigleisig laufen sollen.“ Das sah Beise ähnlich:

DiWiMa 2015 - Tweet Beise Print und Online

Thematisch komme man sich nicht in die Quere, arbeite viel mehr zusammen: „Eine gemeinsame Redaktionskonferenz bringt dann oft noch eine ganz andere Sichtweise der Online-Kollegen hervor“, so Beise. Das sah er allerdings nicht immer so: Als Online-Chef Stefan Plöchinger 2014 in die Chefredaktion der SZ berufen werden sollte, war er einer der Ressortleiter, die dagegen protestierten. „Ich habe aber gelernt, dass es heute andere Anforderungen an einen Chefredakteur gibt als früher“, zeigte sich Beise versöhnlich. „Man braucht nicht nur Menschen, die starke Leitartikel schreiben können, sondern auch welche, die frische Ideen für die Zukunft mitbringen.“ Schließlich sei die Entwicklung des Journalismus im Online-Bereich aktuell eine der größten Herausforderungen für Medienunternehmen.

DiWiMa Grafik Auflagenzahlen

Eurokrise als Dauerbrenner

Die Eurokrise ist seit rund sieben Jahren eine der größten Herausforderungen der Wirtschaftsressorts. Wie hält man ein Thema über so lange Zeit für die Leser interessant? „Eine Figur wie Yanis Varoufakis war zumindest eine willkommene Abwechslung“, stellte Susanne Amann fest. Marc Beise sah das Problem vor allem in der Masse der Informationen: „Wir müssen eigentlich von jedem Treffen, von jedem noch so kleinen Schritt eine Meldung machen. Aber davon wollen wir ein wenig wegkommen, denn dadurch wird das Thema überpräsent.“

Schließlich gebe es im Wirtschaftsjournalismus viele weitere ähnlich wichtige Themen. „Die Entwicklungen im Bereich soziale Gerechtigkeit kommen zum Beispiel noch viel zu kurz“, bemängelt er. Amann dagegen ist überzeugt, dass europäische Themen im Wirtschaftsjournalismus in Zukunft noch häufiger auftauchen werden: „Die Bedeutung von Brüssel wird immer noch unterschätzt“, sagte sie, „die Berichterstattung wird ihr momentan noch nicht gerecht, auch personell. Die Anzahl der Korrespondenten ist im Vergleich zu den vielen Themen, die Brüssel liefert, viel zu gering.“

Anregungen der Zuschauer

Auf das Podiums-Gespräch folgte eine Diskussion mit den Zuschauern, in der es unter anderem um die Zusammenarbeit mit Medien aus anderen Ländern ging. „Warum nutzen Sie nicht die Ressourcen, die Zeitungen im Ausland haben, um mit einem ganz anderen Blickwinkel über Themen zu berichten?“, fragte Wolfram F. Richter, Professor am Lehrstuhl für Öffentliche Finanzen der TU Dortmund. „Sie könnten doch auf Basis eines Artikel-Austausches sehr kostengünstig von solchen Partnerschaften profitieren.“ Eine Anregung, die Marc Beise gerne mit nach München nahm: „Darüber haben wir ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht.“

 

Marc Beise


Studium

Dr. Marc Beise studierte von 1977 bis 1984 Volkswirtschaftslehre und Jura in Tübingen, Frankfurt am Main und Lausanne. Doch von Beginn an hatte er den Journalismus im Kopf – schon als Kind wollte er nur Journalist werden.


Journalistischer Werdegang

Während des Studiums – immer in den Semesterferien – absolvierte der in Mainz geborene Beise ein Volontariat bei der Offenbach-Post. Dort machte er auch seine ersten Schritte als Redakteur, zuletzt als Ressortleiter Politik, Wirtschaft und Nachrichten. Nach einer Zwischenstation bei einer DFG-Forschungsgruppe (1989-1995) arbeitete Beise für das Handelsblatt, ehe er 1999 zur Süddeutschen Zeitung wechselte.


Stationen bei der Süddeutschen Zeitung

Marc Beise begann als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft, seit 2007 leitet er die Wirtschaftsredaktion der SZ. Nach über 15 Jahren hat Beise nach wie vor zufrieden: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so lange bei einem Medium bleibe“, sagt er, „aber in der Zeit hat sich so viel geändert, dass es immer noch so spannend ist wie am ersten Tag.“


Susanne Amann


Studium

Susanne Amann, geboren 1976, zog es nach dem Abitur nach Leipzig: Dort studierte sie – mit einer Zwischenstation in Madrid – Journalistik und Politikwissenschaften. Neben Deutsch und Englisch spricht Amann auch Spanisch und Französisch.


Journalistischer Werdegang

Ihr Volontariat absolvierte Susanne Amann bei der taz, bei der sie auch später als Redakteurin arbeitete. Zwischendurch hospitierte sie bei Spiegel Online, ihrem späteren Arbeitgeber. Nach ihrer Zeit bei der taz arbeitete Amann zunächst als Pressereferentin im Familienministerium, anschließend für die Financian Times Deutschland.


Stationen beim Spiegel

Im Jahr 2007 fing Amann als Wirtschaftsredakteurin bei Spiegel Online an, ab Juni 2009 war sie Ressortleiterin. Anfang 2010 dann der Wechsel ins SPIEGEL-Wirtschaftsressort – ein Schritt, den inzwischen nur wenige Kollegen wählen, wie Amann sagt. „Ich habe es aber nie bereut“, betont sie. Im November 2013 trat Amann die Nachfolge von Thomas Tuma als stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsressorts an.


 

„Angebot & Nachfrage“ mit Marc Beise

„Angebot & Nachfrage“ mit Susanne Amann

 

Das Team

Selina Dicke, Lisa Oenning, Nora Wanzke, Leonidas Exuzidis und Valentin Dornis.

Video Susanne Amann: Riem Karsoua, Erik Acker, Feyza Bicakci, Dorothea Schmitz, Anna Kipnis und Inga Heidl.