Kategorie-Archiv: Rückblick

Bert Rürup

Die meisten Studenten können mit dem Namen Rürup nichts mehr anfangen. Wenn jemand den Namen zuordnen kann, dann meist im Zusammenhang mit der Rürup-Rente. Wirklich viel über das Rentenmodell oder den Kopf dahinter wissen die meisten aber nicht. Und das, obwohl Bert Rürup als ehemaliger Wirtschaftsweiser enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluss hatte.


Die Rürup-Rente

Die Rürup-Rente ist eine Form der privaten Altersvorsorge und wurde durch Bert Rürup 2005 als Alternative zur Riester-Rente und der klassischen privaten Rentenversicherung ins Leben gerufen. Das Rentensystem bietet einige Steuervorteile, besonders für Menschen, die in ihrer Ansparphase ein hohes zu versteuerndes Einkommen haben.


Dass junge Leute sich noch wenig mit Rentenmodellen und Vorsorge beschäftigen, findet Rürup nicht schlimm. „Wir leben nicht, um vorzusorgen“, sagt Rürup zu Beginn des Gesprächs. Rürup selbst scheint diesem Lebensmotto einem Stück weit zu folgen. Denn trotz seiner bereits 73 Jahre denkt er noch nicht daran, sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen.

Doch woher kommt dieser ständige Drang nach neuen Aufgaben? „Ich habe keine Hobbies, deshalb mache ich einfach weiter“, sagt Rürup trocken. Weiter mit dem, was dem Diplom in wirtschaftlichen Staatswissenschaften 1969 begann. Rürup arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, wurde 1971 promoviert. Es folgten Professuren in ganz Deutschland und internationale Gastprofessuren.

Sein Wissen fand auch in der Politik Anklang. Er arbeitete unter Altkanzler Helmut Schmidt. Eine Zeit, in der er viel gelernt hat, wie Rürup sagt. Er sagt aber auch: „Schmidt war ein schwieriger Chef.“ Auch unter Helmut Kohl hatte Rürup alle Hände voll zu tun. Er beriet die Politik in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten als Wirtschaftsweiser und etablierte sein bis heute umstrittenes Rentensystem.

Das heutige Rentensystem in Deutschland betrachtet Rürup als Flickenteppich. „Wenn wir heute ein komplett neues Rentensystem einführen würden, sähe es sicherlich nicht so aus. Es hat sich mit der Zeit so entwickelt. Viele Bereiche ersetzen oder ergänzen sich und das ergibt ein buntes Konstrukt“, so der Wirtschaftsexperte.

Zeit mit Machmeyer

2009 emeritiere Rürup an der Universität Leipzig und wurde Chefökonom beim Finanzdienstleister AWD. Das sorgte in der Öffentlichkeit für viel Kritik. Schließlich wechselte er aus der politischen Theorie, in der er die Rürup-Rente gestaltete, nun in den praktischen Vertrieb eben jener Produkte. „Mit so viel Gegenwind hatte ich damals nicht gerechnet. Das war schon heftig“, gesteht Rürup. Mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer gründete er wenig später gemeinsam die MaschmeyerRürupAG, eine Beratungsgesellschaft für Banken oder Versicherungen. „Die Zusammenarbeit mit Maschmeyer hat nicht so gut funktioniert“, erzählt Rürup. Nach drei Jahren schied er aus und widmete sich wieder vermehrt der Wissenschaft.

Große berufliche Abwechslung sieht er in seiner Laufbahn jedoch nicht: „Im Grunde genommen habe ich über all die Jahre immer das Gleiche gemacht. Nur eben in verschiedenen Positionen.

Rürup hat in seiner Vergangenheit viele Journalisten kennengelernt und weiß, wie er mit den Medien umgehen muss. Was sein Können im journalistischen Bereich angeht, bleibt er realistisch: Zwar schreibt er regelmäßig Wirtschaftskolumnen, für modernen Online-Journalismus sei er aber zu langsam. „Wir sind wie Hunde. Wir lernen keine neuen Tricks mehr, aber die alten können wir ziemlich gut“, sagt er über sich und andere Ökonomen.

Er glaubt zu wissen, wie er auf kritische Fragen kontert. Er stellt Gegenfragen, korrigiert, erklärt. Zu jeder Frage fällt Rürup eine Geschichte aus seiner Berufslaufbahn oder eine geschichtliche Anekdote ein, präsentiert diese von ihm mit Begeisterung und rhetorischen Kniffen. Am Erklären scheint er so viel Vergnügen zu haben, dass er kaum still sitzen bleiben kann.

Zu Gast bei den Wirtschaftsmachern war der 73-Jährige aber nicht wegen seiner Vergangenheit, sondern vor allem aufgrund seiner aktuellen Beschäftigung. Seit 2016 ist Rürup Chef vom Handelsblatt Research Institut, das im Auftrag wissenschaftliche Analysen im Wirtschaftsbereich anfertigt. Zudem ist er seit Anfang des Jahres Chefökonom beim Handelsblatt und kommentiert in regelmäßigen Abständen aktuelle Themen in der Wirtschaftszeitung.

Klipp und klar Stellung zu beziehen und diese zu halten ist eine Tugend, die er auch in das Gespräch mitbringt. Auf die Frage, warum er 1992 zunächst ein eurokritisches Manifest unterschrieben habe, 1998 aber nicht mehr, antwortet er auch in Bezug auf die heutige Lage der Währungsunion: „Weil es an sich alternativlos ist. Außerdem ist der Euro noch nicht fertig. Ihn zusammenzuhalten verursacht immer noch weit weniger wirtschaftlichen Schaden als es sein Auseinanderfallen tun würde.

Auch die Debatte um die positive Leistungsbilanz Deutschlands sieht er kritisch. Während die USA um Präsident Donald Trump Deutschland vorwerfen, andere Länder mit dem Handelsüberschuss zu schaden, sieht Rürup das Problem ganz woanders. „Unsere Produkte sind einfach zu gut, dass sie uns aus den Händen gerissen werden. Sollen wir jetzt schlechtere Waren herstellen, damit das Ausland nicht mehr so viel kauft?“ Der Überschuss könne nicht durch politische Entscheidungen aus der Welt geschafft werden.

Das Team
Julian Hilgers, Jochen Duwe und Dominik Rosing

Ulrich Reitz

Was genau veranlasst einen anerkannten Experten der Märkte dazu, wirtschaftspolitischen Journalismus zu betreiben? Die Antwort: Qualitative Berichterstattung.  Ulrich Reitz hat schon immer gerne seine eigene Meinung kundgetan und das kommt ihm nicht nur als Journalist, sondern vor allem in seiner Position beim Nachrichtensender n-tv zugute.

„Viele Wege führen in den Journalismus. Welcher genau der richtige ist, kann niemand zu 100 Prozent sagen.“

Ulrich Reitz hat langjährige Erfahrung als Wirtschaftsjournalist. Bevor Reitz 2011 zum TV-Sender n-tv wechselte, arbeitete er als freier Journalist unter anderem für das ZDF, Phoenix, die Wirtschaftswoche sowie die Schweizer Medien Handelszeit und Bilanz. Von 2006 bis 2009 war Reitz Leiter des Redaktionsbüros in Frankfurt beim Wirtschaftsmagazin Capital  sowie dessen Vize-Chef im Unternehmensressort in Köln. Zuvor war er in verschiedenen Funktionen bei der Welt am Sonntag tätig, zuletzt als Leiter des Frankfurter Korrespondentenbüros. Beim Nachrichtensender n-tv ist er nun Leiter der Wirtschaftsredaktion.

Erfahrungen sammeln – das A und O im Journalismus

Um ein guter Journalist oder eine gute Journalistin zu werden lohnt es sich laut Reitz viele Stopps einzulegen und selber auszuprobieren. Denn Erfahrungen sammeln ist das A und O im journalistischen Beruf. Aber wie kam es bei Ulrich Reitz eigentlich zu dem Wechsel von Print zu TV? Für Reitz ist das ganz klar: „Man muss sich neuen Herausforderungen stellen.“

Dabei sei die Umstellung von Print zu TV nicht immer ganz einfach gewesen: Die Inhalte müssten deutlich kompakter dargestellt werden, als dies im Print der Fall sei. Auch die wirtschaftlichen Themenschwerpunkte werden teilweise anders gesetzt, denn: „Man muss mit Bilder erzählen, das macht TV aus. Und ohne gutes Bildmaterial gibt es auch keine gute Story“, sagt Reitz.

Mehr als nur Verbraucherservice

Reitz Aufgabenfeld bei n-tv ist breit gefächert: Neben Wirtschaftsthemen geht es auch um Verbraucherthemen, Unternehmensmeldungen und neue Technologien. Die Telebörse ist das Aushängeschild der Wirtschaftsredaktion. Sie übernimmt quasi die komplette Wirtschaftsberichterstattung. In fast jeder Telebörse wird immer wieder zu den Reportern vor Ort geschaltet, beispielsweise zu den Reportern an der Frankfurter Börse oder in den Abendstunden an die Wall Street. Die Wirtschaftsredaktion ist die größte Redaktion von n-tv.

Beim Thema Crossmedia fährt n-tv allerdings ein ganz eigenes Modell. Während die Kölner Redaktion sich ausschließlich mit Fernsehen befasst, ist die komplette Online-Redaktion outgesourced. n-tv Online wird von der Nachrichtenmanufaktur in Berlin geführt. Trotzdem arbeiten die beiden Unternehmen eng miteinander. Laut Reitz klappt die Kommunikation hervorragend, denn die Wirtschaftsthemen im Fernsehen und Online werden jeden Tag neu aufeinander abgestimmt: „Wir haben täglich Konferenzen in denen die Berliner via Skype dazu geschaltet werden.

„Als Journalist möchte man doch seine eigene Meinung zu Themen darlegen und genau das mache ich.“

Im Format Reitz‘ Worte kommentiert der Leiter der Wirtschaftsredaktion regelmäßig Themen aus der tagesaktuellen Wirtschaftsberichterstattung. Damit könne Reitz seinem Anspruch nach qualitativer Berichterstattung gerecht werden. Immer wieder nimmt er Stellung zu  verschiedenen wirtschaftlichen Themen wie beispielsweise die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank oder Elektromobilität. Dabei ist die Auswahl nicht immer auf die aktuelle wirtschaftliche Situation angepasst. Er greift Themen auf, die in beschäftigen:

Die Verantwortliche Melissa Neu

Georg Restle

Georg Restle ist seit 2012 Redaktionsleiter und Moderator des Politmagazins Monitor. Das mittlerweile über 50 Jahre alte Magazin des WDR steht für investigativen Journalismus wie kaum ein anderes TV-Format. Die erhoffte Wirkung auf die aufwendig recherchierten Stories bleibt allerdings oft aus. Im Interview sprach Georg Restle mit uns über die größten Herausforderungen des investigativen Journalismus und wie man diese angehen kann.

Georg Restle wurde 1965, im Jahr der Erstausstrahlung von Monitor, in der Nähe von Stuttgart geboren. Seine Eltern gehörten zu den vielen Millionen Zuschauern, die die Sendung damals regelmäßig schauten. Ab 1987 studierte Restle Rechtswissenschaften in Freiburg, danach Internationales Recht in London. Schon früh war ihm aber klar, dass er keinen klassischen Juristenberuf ergreifen wollte.

Stattdessen wollte er als Journalist etwas bewegen. Dafür sei das Jurastudium die geeignete Vorbereitung gewesen. „Wer über Politik berichten möchte, muss sich zumindest mit den Grundfragen der Rechtswissenschaften auseinandergesetzt haben“, sagt er im Interview. Seine Kenntnisse des deutschen Rechts seien ein Grund gewesen, warum ihm der WDR nach Abschluss seines Studiums 1994 einen Volontariatsplatz anbot.

Während des Volontariates arbeitete Restle zum ersten Mal in der Monitor-Redaktion, damals unter Leitung von Klaus Bednarz. Diese Zeit bestätigte ihn in seinem Wunsch, investigativ arbeiten zu wollen. Nach dem Volontariat produzierte Restle zahlreiche Filme für verschiedene WDR-Sendungen bis er 2000 fester Teil der Monitor-Redaktion wurde, mittlerweile übernommen von Sonia Mikich.

Diese Stelle gab er erst auf, als ihm 2010 die Auslandskorrespondenz in Moskau angeboten wurde. Das Ausland habe ihn schon immer gereizt und er habe viel gelernt während seiner Zeit in Russland. Doch als ihm 2012 die Leitung der Monitor-Redaktion angeboten wurde, zögerte Restle nicht, nach Köln zurückzukehren. Seitdem arbeitet er daran, bewährte Standards mit neuen Konzepten zu verbinden.

Ist investigativer Journalismus zu unsexy für das Internet?

Eines der ersten Projekte, das Georg Restle als Leiter der Monitor-Redaktion anging, war die Onlinepräsenz des Magazins zu stärken. Im linearen Fernsehen erreicht die Sendung mittlerweile nur noch knapp drei Millionen Zuschauer. Zudem ist der Durchschnittszuschauer über 60 Jahre alt. Die Zuschauerzahlen werden also kaum wachsen.

Deshalb stecke er 30 Prozent seiner Arbeitszeit in die Online-Aufbereitung der recherchierten Stories. Trotzdem bleibt die erhoffte Reaktion oft aus. „Die Komplexität, für die wir stehen, lässt sich einfach nicht auf 140 Zeichen verkürzen“, so Restle. Es werde aber daran gearbeitet, die komplexen Themen immer online-gerechter aufzubereiten. Ein Bericht über die Auswirkungen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Brennelementesteuer heiße deshalb online „Nachschlag für die Atomkonzerne von der Bundesregierung“. Das klinge deutlich sexier. Mittlerweile erreicht Monitor Klickzahlen von bis zu sechs Millionen auf Facebook und liegt damit auf Platz 1 im Vergleich der Politmagazine.

Die Illusion der Neutralität

Neben Monitor-Beiträgen erreicht Georg Restle online auch mit seinen Tagesschau-Kommentaren viele Zuschauer. Viele schätzen an ihm, dass er sich so stark profiliert. Andere werfen ihm mangelnde Neutralität vor. „Neutralität gibt es nicht“, sagt Restle. Als Mensch könne man nie ganz neutral sein und auch als Journalist könne man immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigen. Dabei auf Ausgewogenheit und sorgfältige Recherche zu achten seien viel mehr journalistische Werte, auf die Restle bei seiner Arbeit wert lege.

Doch stellt er sich mit seinen Kommentaren nicht zu sehr in die linke Ecke und vergrault so potenzielle Zuschauer? Ganz im Gegenteil, meint Restle. Durch ihre klar regierungskritische Haltung würde die Sendung mittlerweile sogar von Rechten zitiert werden. Das störe ihn zwar, doch genauso wenig wolle er nur von Linken wahrgenommen werden. Er könne sich gut mit einem Satz von Klaus Bednarz identifizieren: „Ich stehe keiner Partei nahe. Ich stehe den Parteien nur verschieden fern.

Wann ist ein Thema überhaupt relevant für Monitor?

Georg Restle sei es wichtig, viel diskutierten Themen auf den Grund zu gehen. Wenn in den Massenmedien zum Beispiel berichtet wird, dass Flüchtlinge die Kommunen finanziell an ihre Grenzen bringen würden, fragt die Monitor-Redaktion direkt nach. So deckte das Magazin auf, dass nur sehr wenige Kommunen wegen Flüchtlingen unter finanziellem Druck stehen.

Außerdem frage sich Restle bei der Themenfindung immer: „Wo sind Lücken in der Berichterstattung?“ Ein Beispiel: Wenn sich die Berichterstattung über den Kampf gegen den IS darauf beschränkt, dass die irakische Armee immer größere Teile der Stadt Mossul zurückerobert, hat Monitor einen Reporter vor Ort, der darüber berichtet, wie viele Zivilisten diese Eroberung das Leben kostet.

Journalismus als verlängerter Arm politischer Kampagnen

Eine der größten Herausforderungen des Journalismus sei heute das Agenda Setting. Professionelle PR-Agenturen bestimmen, was auf der politischen Agenda steht und zu viele Journalisten würden diese Agenda übernehmen. „So machen sich Journalisten zum verlängerten Arm der Kampagnen, anstatt sie zu hinterfragen.“ Für das Hinterfragen bleibe in Zeiten der Digitalisierung keine Zeit. Es zähle meist nur, wer die Nachricht zuerst bringe.

Georg Restle ist froh, bei Monitor nicht unter solchem Druck zu stehen. Ohne Rundfunkbeiträge könne Monitor nie so unabhängig und intensiv recherchieren und folglich würden viele Missstände nicht aufgedeckt werden. „Eigentlich müsste es das, wofür wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk stehen, global geben.“ Sonst würde der Informationsfluss bald nur noch von Algorithmen à la Facebook bestimmt werden.

Worauf sollten angehende Journalisten achten?

Unabhängig vom Arbeitgeber müsse sich ein Journalist permanent weiterbilden, um komplexe Themen wirklich zu verstehen. Um diese Themen für die Öffentlichkeit interessant zu machen, solle man auch mal etwas wagen, die klassischen Methoden hinterfragen. Vor allem müsse man sich als Journalist heute noch öfter fragen: „Wer will mir was aus welchen Motiven erzählen?

Das Team
Antonius Tix, Leon Kaschel und Julia Güth

Fotos: WDR/ Fulvio Zanettini

Frank Thomsen

Als Journalist könne man Fragen stellen und ihnen auf den Grund gehen, erklärt Frank Thomsen. Das sei einer der Gründe, warum er sich für diesen Beruf entschieden habe. Daneben sei aber noch ein weiterer Grund entscheidend: „Als Journalist ist man frei“, erklärt er. Man müsse nie dableiben, wo man gerade ist. Und doch ist er seit langem beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt. Erst 20 Jahre als Journalist beim Stern, dann ab 2015 als Leiter der Unternehmenskommunikation beim Stern-Verlag Gruner + Jahr und schließlich seit 2016 als Kommunikationschef. In der Gastvortragsreihe „Die Wirtschaftsmacher“ spricht er über seine Zeit als Journalist, seine neue Rolle im Verlag und die Zukunft des Journalismus.

Begonnen hat seine Laufbahn als Journalist in Hamburg. Dort studierte er BWL und Journalistik. Währenddessen sammelte er Erfahrungen durch freie Mitarbeiten bei der Zeit, der FR und epd Medien. Themen seiner Artikel waren meistens Medien an sich. Er schrieb über das Fernsehen, vor allem über das Privatfernsehen. Im Gespräch stellt er mit Blick auf die eigene Vergangenheit fest: Früher stand er Medien und deren Pressevertretern kritisch gegenüber, nun sitzt er auf der anderen Seite und vertritt einen der größten Verlage Deutschlands in der Öffentlichkeit.

Nach Studium der Aufstieg beim Stern

Frank Thomsen schrieb aber nicht nur über Medien. 1996 begann er, passend zu seinem BWL-Studium, als Wirtschaftsjournalist beim Stern zu arbeiten. Schließlich stieg er zum Leiter des Ressorts Politik und Wirtschaft auf. Im Anschluss daran war er sieben Jahre lang stellvertretender Chefredakteur von stern.de, bis er wieder in den Bereich Print wechselte und Ressortleiter des Ressorts Deutschland wurde. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm aus seiner Zeit beim Stern die investigativen Geschichten: So hat er zum Beispiel miterlebt, wie der Stern aufdeckte, dass Lidl seine Mitarbeiter in der Freizeit beschattete. An besondere Interviewgäste denkt er auch gerne zurück, erklärt Thomsen weiter.

Weniger gut in Erinnerung hat er den Skandal um die Hitlertagebücher. Zum einen, weil er erst 13 Jahre nach dem Vorfall beim Stern anfing zu arbeiten, zum anderen weil dies „das schwärzeste Kapitel in der Geschichte des Verlags“ gewesen sei, wie er es ausdrückte. 1983 hatte der Stern die angeblichen Hitlertagebücher veröffentlicht, um kurz darauf festzustellen, dass sie gefälscht waren. Der Vorfall löste einen riesigen Skandal in der Medienwelt aus. „Ich hatte vor Jahren selbst eines der Tagbücher in der Hand“, erklärte Thomsen. Er könne bis heute nicht verstehen, warum man die Bücher für echt gehalten hat.  Seine Vermutung: „Die Besoffenheit hat die Verantwortlichen blind gemacht.“ Man habe wahrscheinlich nicht gewollt, dass andere Medien Wind von der Sache bekommen und deshalb die Geschichte geheim gehalten. Eigentlich müsse alles durch die sogenannte Dokumentation, also den Fakten-Check. Dieser Mechanismus wurde in diesem Fall übergangen. Das sei eine fatale Entscheidung gewesen.

Neuer Job nach 20 Jahren

Nach fast 20 Jahren beim Stern entschied sich Frank Thomsen 2015 für einen Etagenwechsel. Von der Redaktion des Sterns ging es zwei Gebäude-Stockwerke nach oben zum Verlag Gruner + Jahr. Beworben hatte er sich um den Posten nicht. „Meine Chefin hat mich angerufen, sie wollte etwas verändern“, erzählt Thomsen. Über seine neue Rolle als Kommunikationschef sagt er klar: „Ich bin kein Journalist mehr.“ Mit mehr als 10 Leuten ist er jetzt für die Unternehmenskommunikation zuständig. Diese kümmert sich um die Kommunikation nach außen, aber auch um die interne Kommunikation. „Wir verwalten zum Beispiel das Intranet für die Mitarbeiter oder organisieren Meetings.“ Seine jahrelange Erfahrung als Journalist helfe ihm bei der Arbeit – er kenne den Laden und die Leute. Und die Leute kennen ihn. Das sei ein entscheidender Vorteil. „Die Leute wissen: Der war mal einer von uns, der versteht uns.

Ich bin kein Journalist mehr

2016 übernahm Thomsen zudem die Leitung des Marketings. Er muss also auch dafür sorgen, dass sich die Magazine gut verkaufen und am Markt behaupten – keine einfache Aufgabe. In den vergangenen 20 Jahren halbierte sich die Auflage des Sterns von einst 1.250.000 auf heute nur noch 595.000 Exemplare. Das sieht bei vielen Zeitschriften ähnlich aus. Ein Grund dafür sei die Digitalisierung, so Thomsen. An ihr sei nicht nur problematisch, dass der Rezipient kostenlos an Inhalte kommt, sondern auch, dass die Anzeigenkunden ihre Werbung lieber im Netz schalten. Es gebe aber Ausnahmen: Besonders profitabel seien Special-Interest-Zeitschriften. Also Zeitschriften, die nicht, wie der Stern, viele Themen behandeln, sondern sich auf ein Themenfeld spezialisieren. Ein gutes Beispiel dafür sei das Food-Segment, so Thomsen. Also Zeitschriften wie „Chefkoch“ oder „Essen und Trinken“. Hier würden die Auflagezahlen teilweise sogar steigen.

Frank Thomsen spricht über sein Konzept zur Vermakrtung von Magazinen

Eine weitere interessante Entwicklung sei in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erkennen: Früher sei es nicht möglich gewesen, mit den heutigen Auflagezahlen vieler Zeitschriften wirtschaftlich zu arbeiten. Das sei heute anders: „Wenn die Auflage bei 100.000 Stück liegt, ist eine Zeitschrift schon rentabel“, erklärt Thomsen. Das sei möglich, weil jeder Schritt im Verlag umgesetzt wird. Und so würden von der ersten Idee bis zum Druck der Zeitschrift nicht einmal 5 Monate vergehen.

Frank Thomsen und der Verlag haben klare Ziele: „Wir wollen der innovativste und kreativste Verlag Deutschlands sein“, stellt er klar. Deshalb bringe man immer wieder neue Zeitschriften auf den Markt. Entweder sie funktionieren oder das Konzept wird angepasst.

Mit Bauchgefühl zur richtigen Idee

Bei der Ideenfindung müsse man sich vor allem daran orientieren, was der Leser gut findet. „Wir versuchen also gewisse Gesellschaftstrends zu erspüren“, so Thomsen. Dabei gehe man mehr nach Bauchgefühl vor, als rein wissenschaftlich oder marktanalytisch. Andererseits müsse man natürlich auch auf solche Faktoren achten. So ist es zum Beispiel Fakt, dass Frauen sich statistisch gesehen deutlich kaufbereiter gegenüber Zeitschriften zeigen, als Männer es tun. „Deshalb haben wir viele Zeitschriften im Angebot, die sich mit Themen beschäftigen, die eher Frauen interessieren“, erklärt Thomsen. Dazu gehören zum Beispiel Brigitte oder Barbara. In der letzten Zeit versuche man aber auch Männerzeitschriften auf den Markt zu bringen. Ein erster Test war die Zeitschrift Wolf. Oder wie Frank Thomsen sie nennt: „Der Gegenentwurf zum Playboy“. Die erste Ausgabe sei erfolgreich gewesen, es wird also eine zweite geben, verrät er im Gespräch. Dass die Themen dieser geschlechterspezifischen Zeitschriften oft sehr oberflächlich sind, stört Thomsen nicht: „Ich finde an dem Journalismus, der bei G+J gemacht wird, nichts peinlich.

Für die Zukunft sucht Gruner + Jahr, wie so viele andere Verlage auch, nach Geschäftsmodellen für den Journalismus. Sein Vorbild dabei: Der Filterkaffee. Der war vor 10 Jahren in einer Krise. Kaum jemand habe noch Filterkaffee gekauft. Schließlich kam jemand auf die Idee, den Kaffee in Kapseln zu packen und mit entsprechenden Maschinen zu verkaufen. Heute haben viele eine solche Maschine zu Hause. So wurde der Filterkaffee gerettet. Nun also müsse man die „Kaffeekapsel des Journalismus“ finden.

Das Team
Till Bücker, Sven Lüüs und Till Krause

Sven Clausen

VWL-Studium an der Uni Köln und der Copenhagen Businessschool abgeschlossen und anschließend die Kölner Journalistenschule besucht: Damit legte Sven Clausen den Grundstein für seine wirtschaftsjournalistische Zukunft. Besonders prägend für seine Karriere war sein Mitwirken am Aufbau der Financial Times in Deutschland (FTD), die 2012 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde. Seit 2014 ist er nun stellvertretender Chefredakteur beim Manager Magazin. Bei den Wirtschaftsmachern hat er erzählt, was bei der FTD besonders im Onlinebereich gefehlt hat und warum es beim Manager Magazin jetzt besser klappt.

Laut Clausen gibt es im Journalismus immer noch große Differenzen zwischen Online und Print. Das Manager Magazin trennt die Redaktionen von Print und Online. Auch die Verantwortung liegt in unterschiedlichen Händen: Clausen ist zum Beispiel Online-Chef. Zwar recherchiert und redigiert er auch im Printbereich, aber die Trennung der Redaktionen hält er für sinnvoll. Er sagt, da das Magazin nur einmal monatlich erscheint, bei Online aber tagesaktuell gearbeitet wird, seien die Prioritäten sehr verschieden. So sind im Magazin längere und intensiver recherchierte Geschichten möglich, der Onlineauftritt muss dagegen jeden Tag gepflegt werden. „Natürlich sind wir Clickbait getrieben“, so Clausen. Reißerische Überschriften und populäre Themen, die auf den ersten Blick nicht viel mit Wirtschaft zu tun haben, werden besonders in den sozialen Netzwerken gut angenommen. Deshalb bekommen sie einen wirtschaftlichen Dreh.

Damit hat das Manager Magazin den Sprung in die Digitalisierung geschafft. Das ist genau das, was die Financial Times Deutschland verpasste, und was laut Clausen unter anderem zu ihrer Einstellung führte. Er glaubt, dies sei der Hauptgrund gewesen, denn das Team war jung und motiviert und glaubte an schwarze Zahlen. Auch er selbst konnte sich immer zum Weitermachen motivieren. Ein Projekt wie die FTD würde er auch wieder wagen, wenn es eine gute Idee gäbe. Dennoch ist die FTD nicht glanzlos und still verschwunden, für das Cover der letzten Ausgabe wurde dem Team sogar der Henri-Nannen-Sonderpreis verliehen.

Sven Clausen Wima
Sven Clausen im Gespräch mit den Studierenden

Was Sven Clausen als Journalisten ausmacht, ist seine investigative Laufbahn. So hat er unter anderem schon als Co-Chef des Investigativ-Teams der Welt-Gruppe gearbeitet. Als unabdingbare Qualitäten dafür nannte er Wissen, Quellenschutz und Freundlichkeit. Wichtig sei vor allem, sich mit den Menschen, die man interviewt, auf Augenhöhe zu befinden.

Bei der Recherche sieht Sven Clausen keine Grenzen. Das betrifft auch die Firmen und Unternehmen, die Werbung im Manager Magazin schalten und dafür bezahlen. Auch wenn diese wegen negativer Berichterstattung drohen, ihre Werbung zu streichen und somit Gelder fehlen könnten, wird der Artikel dennoch veröffentlicht. Denn „für den Journalisten ist nichts davon eine Strafe, solange die Story stimmt“, so Clausen.

 

Das Team
Laura Lang, Patricia Averesch und Lena Meerkötter

Dirk Laabs

„Ich habe schon mit Islamisten, Mördern und allen möglichen Leuten – sogar Politikern – geredet.“ Eine kritische Haltung ist das oberste Gebot des Investigativjournalisten Dirk Laabs. Im Wirtschaftsmacher-Talk berichtet er von seinen preisgekrönten Enthüllungen zu krummen Geschäften der Deutschen Bank, seiner Ausbildung bei der Henri-Nannen-Schule und der Arbeit als investigativer Journalist.

Seine ersten journalistischen Texte hat Dirk Laabs noch in der Bibliothek auf der Schreibmaschine verfasst und der Redaktion der Hamburger Morgenpost per Telefon durchgegeben. Mittlerweile dreht er Dokumentarfilme für ein Millionenpublikum.

Das letzte große Projekt, mit dem Dirk Laabs deutschlandweit für Aufsehen sorgte, waren seine Enthüllungen zum Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Aust porträtiert er im 2014 veröffentlichten Buch „Heimatschutz“ und der dazugehörigen Fernsehdokumentation „Der NSU-Komplex“ die Entwicklung der Terrorzelle. In ihren Produktionen zeigen Laabs und Aust das Versagen des Verfassungsschutzes bei der Verfolgung des NSU. Die umfänglichen Erkenntnisse zu Ermittlungsfehlern, der teils gescheiterte Einsatz von V-Leuten in der rechten Szene und die unzureichende Kommunikation zwischen Behörden führten die Journalisten weiter, als sie es erwarteten. Sie wurden in NSU-Untersuchungsausschüsse des Bundestags sowie mehrere Landesparlamente geladen. Dort wurden sie von der Politik als Sachverständige angehört. Laabs erzählte, dass er sich mit dieser Rolle nicht anfreunden konnte. Zudem kritisierte er die Berichterstattung anderer Medien, die das Geschehen rund um den NSU häufig auf den Satz „der Verfassungsschutz war auf dem rechten Auge blind“ verkürzen. Dagegen wehrt sich Laabs.

„Bei komplexen Geschichten sucht man eine einfache Narration, einen einfachen Nenner.“

Bei Recherchen auf Widerstände zu stoßen, ist nichts Ungewöhnliches für einen Investigativjournalisten – auch Laabs kennt dieses Problem. Als er sich mit den Machenschaften der Deutschen Bank beschäftigt hat, war es einfach, auf Anklägerseite Gesprächspartner zu finden. Geprellte Goldhändler, Experten vom Wall Street Journal – alle wollten mit ihm reden. Doch die Deutsche Bank schwieg lange. Zwar erklärten sie sich zu Hintergrundgesprächen bereit, bei denen Laabs dann die Führungsspitze und ihre Position kennen lernen konnte. Für seinen Film verwenden durfte er die Informationen aber nicht. Im Gespräch erklärte er, was das für einen Film und für einen Journalisten bedeuten kann. Und sagte auch, wie er sich zur Wehr setzte, als die Deutsche Bank ihn nicht mehr bei ihren Pressekonferenzen haben wollte.

„Wie funktioniert das als Investigativjournalist?“, fragen sich viele angehende Journalistinnen und Journalisten. Wie findet Laabs zum Beispiel Informanten? Bevor der Filmemacher bei jemandem anruft, liest er sich erst einmal sehr intensiv in sein Thema ein. Bei der Deutschen Bank zum Beispiel habe er das erste halbe Jahr während der Recherche gar nicht verstanden, worum es ging. Seine Erkenntnis: „Das ist manchmal frustrierend, aber das muss man dann auch zulassen.“

Außerdem sei ihm sehr wichtig, dass die Interviewpartner sich nicht ausgefragt oder abgeschöpft fühlen. Er wolle sich immer so gut auskennen, dass die Zeitzeugen das Gefühl hätten, sie redeten mit jemanden, der dabei gewesen wäre. „Es geht damit los, dass ich versuche, mir fast alle Namen zu merken – Abteilungen, Abläufe, Daten“, erinnert er sich an seine Recherchen bei der Deutschen Bank. Professionell Arbeitende würden professionelle Arbeit eben wertschätzen. Dabei müsse man sich immer bewusst sein, dass das viel Zeit in Anspruch nehme.

„Das ist extremes Journalistendenken.“

Sich aber genau durch diese Unsicherheit zu quälen, hat der Journalist von älteren Kollegen gelernt. Das erste Mal, als er investigativ tätig wurde, war nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001.

Bei Themen, die nicht durch konkrete Ereignisse gegeben werden, ist es manchmal schwierig, spannende Aspekte zu finden. Man dürfe nicht immer den Ehrgeiz haben, nur Neues recherchieren zu wollen, meint Laabs. Auch Redaktionen bemängeln an Themen, dass sie am Vortag in einem anderen Medium schon erschienen sind. Das sei „extremes Journalistendenken“.

Zu Beginn seiner journalistischen Karriere war Laabs noch nicht im investigativen Bereich tätig. So berichtete er für die Hamburger Morgenpost über Konzerte und arbeitete anschließend für den Musiksender MTV. Zeitgleich begann er, Jura und Philosophie zu studieren, fühlte sich im Hörsaal aber nicht richtig wohl. 1999 bewarb er sich also bei der Henri-Nannen-Schule und wurde zum Test eingeladen. „Dabei hatte ich auf einmal ein totales Blackout. Wir sollten eine Reportage schreiben. Plötzlich waren nur noch fünf Minuten auf der Uhr und ich dachte, wir hätten noch eine Dreiviertelstunde! Da habe ich den Test dann noch schnell irgendwie zu Ende gebracht“, erinnert sich Laabs an die Prüfung. Trotzdem wurde er an der Schule angenommen und schloss seine Ausbildung 2001 erfolgreich ab. „Ich denke, es gibt keinen Königsweg in den Journalismus. Das ist ein Handwerk, das man praktisch lernen muss. Da ist es letztlich egal, ob in der Uni oder in einer Journalistenschule. Generell ist ein Fachstudium natürlich hilfreich, aber auch kein Muss“, sagt Laabs.

„Journalisten sind Chronisten.“

In Beiträgen Lösungen für Probleme anbieten? Laabs sieht das anders: „Ich sehe das nicht als erste Rolle des Journalismus.“ Für ihn ist klar, dass Journalisten bei ihrer eigentlichen Aufgabe bleiben sollen – und das sei die Offenlegung und Darstellung von Informationen. Nach dieser Aufbereitung könnten sich die Rezipienten eine eigene Meinung bilden. Vorgefertigte Lösungen der Autorinnen und Autoren sieht Laabs deshalb kritisch. Doch die Entwicklung, dass manch einer genau das fordert, sei sehr interessant. Im Gespräch berichtet er deshalb auch von persönlichen Erfahrungen – und wieso Journalisten eigentlich Chronisten sind.

„Angebot & Nachfrage“ mit Dirk Laabs

Das Team

Janis Beenen, Mona Fromm, Hendrik Frost, Timo Halbe, Thorben Lippert und Lia Rodehorst

 

Gabriele Fischer

Journalistin, Unternehmerin, Gründerin: Gabriele Fischer, Chefredakteurin von brand eins, hat mit der Gründung des Wirtschaftsmagazins vor 17 Jahren ihrem sicheren Redakteurs-Job den Rücken gekehrt. Aus dem „Experiment“ brand eins ist ein renommiertes Wirtschaftsmagazin geworden. Ende Juni sprach die Chefredakteurin mit Leonie Gürtler und Jan Dahlmann über den Mut, etwas Eigenes zu erschaffen, über neue Arbeitsmodelle, und über das Grundeinkommen.

Erst Redakteurin, später stellvertretende Chefredakteurin beim manager magazin – das war Gabriele Fischers Stelle, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Im Folgenden die anderen Stationen in Fischers Karriere.

Gabriele Fischers Werdegang

Geboren: 25. Januar 1953 in Karlsruhe

Studium: Politikwissenschaften, Soziologie und Germanistik

Journalistische Ausbildung: Henri-Nannen-Schule ab 1979

Journalistische Arbeit:

  • Weser-Kurier
  • Von 1986 bis 1997 Redakteurin und stellvertretende Chefredakteurin beim manager magazin, mit kurzer Unterbrechung bei Schöner Wohnen
  • 1997/98 die Gründung von Econy
  • Seit 1999 Chefredakteurin von brand eins

Econy – Business in Bewegung. So heißt das neue Wirtschaftsmagazin des Spiegel-Verlags, in dessen Gründungsredaktion auch Gabriele Fischer sitzt. Das erste Heft erscheint 1998, nach der zweiten Ausgabe ist Schluss – der Verlag stellt Econy ein. Die Redaktion beschließt erst, das Magazin selbst herauszugeben, verkauft dann aber die Rechte. Im September 1999 bringt die Redaktion ein neues Wirtschaftsmagazin raus: brand eins.

Die Gründung eines eigenen Magazins prägt Fischer und zeigt ihr, dass Selbständigkeit neben Freiheit auch viele Hindernisse mitbringt.

„Wir dachten immer, die nächste Ausgabe wird unsere letzte.“

Trotzdem, so sagt sie, habe sie die Gründung nie bereut.  Im Gegenteil, sie sah den Schritt damals eher als Notwendigkeit, ihrem Beruf als Journalistin weiter nachzugehen zu können.

„Ich bin Gründerin und Verlegerin geworden, um Journalistin sein zu können.“

Brand eins hat zwar eine jüngere Leserschaft als andere Wirtschaftsmagazine, aber nicht so jung, wie man erwarten könnte. Ob die Redaktion mit ihrem Produkt eine bestimmte Zielgruppe ansprechen will? Nein, sagt Fischer:

„Wir haben keine Zielgruppe, sondern ein Thema – den Übergang von der Industrie zur Wissensgesellschaft.“

Aber brand eins spricht ganz ungewollt trotzdem eine bestimmte Zielgruppe an – eine, die von anderen Wirtschaftsmagazinen nicht bedient wird, sich aber für Wirtschaft interessiert.

Eine Besonderheit des Magazins liegt auch in seiner Erstellung. Nach eigener Aussage arbeitet die Redaktion von brand eins von Beginn an mit neuen Arbeitsmodellen. So gibt es beispielsweise keine festen Arbeitszeiten, und die Redakteure können auch von zuhause aus arbeiten.

Gabriele Fischer sprach bei den Wirtschaftsmachern auch über ein anderes Arbeitsmodell, das in der letzten Zeit immer häufiger diskutiert wird: das bedingungslose Grundeinkommen. Das Konzept, dass jeder Bürger ein Einkommen bekommt, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen, beschäftigt Europa seit Jahren. Bei einem Volksentscheid am 5. Juni diesen Jahres in der Schweiz lehnten 78 Prozent der Bürger das bedingungslose Grundeinkommen ab. Dort kam eine Umfrage zu folgendem Ergebnis:

Diagramm

Auch Gabriele Fischer würde bei Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht einfach aufhören zu arbeiten. Und sie geht davon aus, dass wahrscheinlich ein Großteil der Menschen ebenfalls weiterarbeiten würden. Für eine Einführung sieht sie dennoch keine Chance:

„Ich glaube nicht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen durchgesetzt wird. Aber die Debatte darüber tut uns gut.“

Christoph Zemelka

Journalistik studiert, bei der Deutschen Welle volontiert, anschließend promoviert. Der Weg zur PR war zwar gewissermaßen ein Zufall, sagt Christoph Zemelka. Dennoch nicht ungewollt. Der Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Firma Bosch war zu Gast bei den Wirtschaftsmachern. Er hat unter anderem darüber gesprochen, welche Vorteile es hat, beide Seiten gut zu kennen.

Christoph Zemelka hat für den Radiosender Antenne Unna und die Deutsche Welle hinterm Mikrofon gestanden. Doch er wollte auch einmal die andere Seite kennenlernen: die der Firmen, über die regelmäßig berichtet wird. Ein Praktikum führte ihn in die Unternehmenskommunikation. „Das intellektuell anspruchsvolle Arbeiten fand ich spannend“, sagt er. Nun arbeitet Zemelka seit 2004 bei Bosch.

„Es war keine bewusste Entscheidung gegen den Journalismus.“

Der ehemalige Journalistik-Student der TU Dortmund versucht als heutiger PR-Mann ein eher „konstruktives Verhältnis“ zu Journalisten zu haben. Er profitiert davon, beide Seiten zu verstehen: Die des Unternehmens, das seine Belange mitteilt und die der Journalisten, die eine Geschichte suchen. Doch worauf er ausdrücklich hinweist: „Komplizierte Sachverhalte stark zuzuspitzen, um eine spektakuläre Überschrift zu bekommen, ist keine gute journalistische Arbeit.“ Journalisten hätten eine große Verantwortung gegenüber den Lesern und Angestellten der Firmen, über die berichtet wird. Zuspitzungen könnten den Betroffenen Angst machen, beispielsweise vor Stellenabbau: „Viele Klicks sind das nicht wert.“

Daher ist seine Meinung: „Wirtschaftsjournalisten sollen helfen, Ideen und Wirtschaft voranzutreiben und – falls berechtigt – zu kritisieren. Aber nicht aus Zeitmangel und Auflagendruck Halbwahrheiten erzählen.“

Keine Halbwahrheit ist, dass Bosch in Zukunft stärker auf den Unternehmenszweig der Smarthome-Technik setzen möchte. Das Stuttgarter Traditionsunternehmen entwickelt beispielsweise Hausgeräte, die untereinander vernetzt sind und sich den Gegebenheiten des Alltags anpassen. Gesteuert wird die ganze Technik über eine eigens konzipierte App.

„Mein künftiges Haus wird so ,smart-home-ig‘ wie es geht.“

Damit kann der Nutzer seine vernetzten Geräte und Hauselemente, wie zum Beispiel Türen und Fenster, zentral steuern, Glühbirnen (auch aus weiter Entfernung) an- und ausschalten. „Es ist wichtig, dass wir diesen Themen genügend Raum geben, sich zu entfalten“, sagt Christoph Zemelka. Man müsse den Nutzen für den einzelnen Verbraucher und die dazu im Verhältnis stehenden Kosten abwägen. Wichtig ist für ihn dabei:

Trotz vieler kritischer Stimmen – der Leiter der Unternehmenskommunikation steht hinter dem Projekt: „Die Smarthome-Technologie sollte nicht von vorne herein verteufelt werden“, sagt Zemelka. Sicherheitsmängel habe es noch nicht gegeben, ebenso wenig Hacker im System. Skandale seien bislang ausgeblieben. Doch je breiter und größer ein Unternehmen aufgestellt ist, desto höher sei auch die Wahrscheinlichkeit, in Konflikte zu geraten. So landete Bosch zuletzt im Zusammenhang mit dem Abgasskandal in den Schlagzeilen. Der Vorwurf: Automobilzulieferer Bosch soll die Software produziert haben, mit der VW seine Dieselfahrzeuge manipulieren konnte.

„Automobilzulieferung bildet 2/3 des Umsatzes von Bosch“

Dem Diesel bescheinigt Zemelka trotz der aktuell schwierigen Lage eine Zukunft. Er selbst fährt einen Wagen mit Dieselmotor und werde auch seinen Freunden weiterhin nicht davon abraten. Generell spekuliert er jedoch ungern über die Zukunft – dementsprechend wenig hält er von solchen Fragen, die ihn dazu verführen könnten. Spekulationen würden im Zweifel die Angestellten, die bei Bosch an Dieselprodukten arbeiten, nur verunsichern, so Zemelka. Als Beispiel dafür führt er die viel zitierten Aussagen von VW-Chef Matthias Müller an, der den Diesel für nicht zukunftsfähig hält. Eine solche Aussage habe das Potential, eine Panik innerhalb der Belegschaft auszulösen.

Bosch hingegen gibt sich bei Anfragen deutlich schweigsamer als VW. So räumt Zemelka zwar ein, an den wichtigen Prozessen in der Aufarbeitung des Abgas-Skandals beteiligt zu sein – verweist allerdings in diesem Zusammenhang auf die Firmenpolitik:  Zu den aktuellen Entwicklungen soll vorerst keine Stellung bezogen werden.

„Ich will 1000 Follower bei Twitter haben.“

Die Privatperson von dem Leiter der Unternehmenskommunikation zu trennen sei schwierig. Diese Doppelrolle wird in Zemelkas Twitter-Account sichtbar. Er teilt Beiträge über die Digitalisierung der Gesellschaft. Viel Zeit, um seine Meinung zu äußern, hat er nicht. Auf viele Follower hofft er trotzdem: „Es scheint Menschen zu geben, die es interessiert, was ich teile.“ Was er sonst über sich verraten hat, seht ihr in unserem Video „Angebot & Nachfrage“.

„Angebot & Nachfrage“ mit Christoph Zemelka

Das Team

Lukas Hemelt, Kathrin Wesolowski, Wenke Wensing,
Nils Gronemeyer, Marie-Christine Spies und Leonie Meerheim

 

DSC01016

Rainer Hank

Seit 2001 leitet Rainer Hank das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S). Der Autor mehrerer Bücher diskutierte am 9. Juni 2016 bei den Wirtschaftsmachern über soziale Ungleichheit, Altersarmut und über die Talk-Show Anne Will, die ihm einen Auftritt in der ZDF-Satiresendung Heute Show bescherte.

Wer hinter dem Namen Rainer Hank steckt, haben die Studierenden in einem Einspieler dargestellt – nach Vorbild von Jan Böhmermann:

Die soziale Ungleichheit ist seit jeher ein immer wiederkehrendes Thema in allen Medien. Als Leiter des Wirtschaftressorts wird auch Rainer Hank häufiger damit konfrontiert, als ihm lieb ist. Dabei ist der 63-Jährige der Meinung, dass die Ungleichheit kein Ergebnis der menschlichen Produktivität sei. Wir, die Menschen, kämen bereits ungleich zur Welt – mit ungleichen Chancen. „Warum muss das also gerechtfertigt werden?“, fragt er in die Runde.

P1000475
Rainer Hank im Gespräch mit den Studierenden

Besonders weit verbreitet ist dabei die Metapher der Schere, die immer weiter auseinandergeht. Speziell in Deutschland liege Hank zufolge die zunehmende Spreizung allerdings nicht nur daran, dass die Reichen immer reicher werden. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte der Erfolg der Hartz-Reformen einen großen Anteil daran, dass die Lohneinkommensschere größer wurde. Denn man habe zwar viele Leute in Arbeit und Brot gebracht, doch sie erhalten keinen Spitzenlohn, wodurch das untere Segment der Einkommen stark vergrößert wurde.

Wohlstand trotz Krisen

Die viel spannendere Frage ist jedoch: Was bringt die Zukunft? Steigen die Löhne oder nimmt die Ungleichheit zu? Zerbricht die Schere aufgrund der stetigen Spreizung irgendwann? Können weltwirschaftliche Verwerfungen wie der Brexit oder ein China-Crash die deutsche Industrie in die Krise stürzen?

Hank: „Wenn man sich die letzten 200 Jahre Geschichte des wachsenden Wohlstands anschaut, dann ist aller konjunktureller Schwankungen zum Trotz, aller Weltwirtschaftskrisen zum Trotz in den 20er-Jahren, und aller Kriege zum Trotz der Wohlstand der Menschen gewachsen. Insbesondere in unseren Regionen in Europa, in Amerika, Australien und mittlerweile gottlob auch in Asien. Da ist es schon in der Rückschau ein starkes Argument zu sagen, die Menschen schaffen es sogar durch Krisen durchzukommen, die wir alle nicht erlebt haben und die sowohl wir alle als auch ihre Kinder hoffentlich nicht erleben werden.“

Ungleichheit war auch Thema in einer Ausgabe der ARD-Talkshow Anne Will, in der Hank zu Gast war. Dabei irritierte der Wirtschaftsressort-Leiter mit Aussagen zum 19. Jahrhundert. In den sozialen Netzwerken hagelte es danach Hasskommentare, die sich Hank nach eigener Aussage aber nicht zu Herzen nimmt:

„Wo kommen wir denn da hin, wenn man sich durch Beleidigungen von seinen Argumenten abbringen lässt?“

 

Rainer Hank nahm es mit Humor. Sich im Nachhinein zu beschweren, weil seine Aussagen aus dem Kontext gerissen worden sind, bringe nichts. Bei den Wirtschaftsmachern bekam Hank die Möglichkeit, seine Position nochmals zu erläutern. Moderator Julian Olk fragte vorsichtig: „Meinten Sie das alles wirklich ernst?“

Der allgemeine Medien-Konsens besagt, dass sich die Altersarmut in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weiter verschlimmern wird. Damit einher geht die Frage nach dem richtigen Alter für den Renteneintritt. Rainer Hank wurde zuvor bereits stark für die Aussage kritisiert, dass man doch bis 67 arbeiten solle. Die Studierenden hakten an dieser Stelle nach und gingen der Frage nach, ob er diese Aussage weiterhin vertritt und ob er dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble zustimme, der einst sagte, dass man auch mit 70 in Rente gehen könnte.

Hank: „Natürlich stehe ich dazu. Und wenn auch die schweren körperlichen Arbeiten abnehmen, weil wir dazu die Roboter haben, dann passt das doch zusammen. Der berühmte Dachdecker soll da zwar mit 70 nicht mehr stehen, aber er muss auch nicht mit 59 pensioniert werden. Er kann mit seinen Fähigkeiten woanders arbeiten. Darüber haben sich zwar auch alle lustig gemacht, aber warum soll er nicht im Baumarkt arbeiten? Er hat hohes Wissen, dass ich nicht habe. Und wenn ich in einen Baumarkt gehe und mich beraten lasse, dann weiß er genau, welche Schrauben und welche Dübel ich benötige.“

Kein Generalisieren

Dass ein Angestellter, der kurz vor seinem 60. Lebensjahr steht, so leicht eine Weiterbeschäftigung erhalten kann, hält die Gegenseite für ausgeschlossen. Genau in solchen Aussagen sieht Hank allerdings das große Problem. Dass aus diesem Einzelbeispiel des Dachdeckers ein kollektives Argument, eine aggregierte Entwicklung gezogen, und damit das gesamte Thema der Lebensarbeitszeitverlängerung von der Agenda genommen wird, passe einfach nicht zusammen. Es sei zudem absurd, dass sich eine Gesellschaft hinstellt und behauptet, sie müsste mit 60 in Rente gehen, da sie keinen Ziegelstein mehr heben könne, anschließend aber noch weitere 40 Jahre lebt. Absurd sei es dabei nicht nur aus den offensichtlichen ökonomischen Gründen, sondern auch aus Gründen der Lebensgestaltung. Laut einigen Untersuchungen ist die Arbeit die beste Gesundheitsvorsorge. Aus diesem Grund befindet Hank die Verlängerung der Lebensarbeitszeit als „die allerbeste“ Lösung.

Das Team

Christopher Holletschek, Christian Woop, Robert Tusch, Julian Olk, Lucas Tenberg, Dominik Reintjes

P1000511

Video: © ARD

Bilder: Christopher Holletschek.

Yasmin El-Sharif

Politikwissenschaft, Geschichte und Englische Philologie. European Business News in London, taz münster, Bloomberg, Tagesspiegel. Letztendlich führten Yasmin El-Sharif viele Wege nach Hamburg zu Spiegel Online. 

2009 fing sie als Redakteurin im Wirtschaftsressort bei Spiegel Online an, wurde zwei Jahre später stellvertretende Ressortleiterin und übernahm die Leitung im Oktober 2015. Yasmin El-Sharif war bei den Wirtschaftsmachern zu Gast. Sie sprach mit uns über die Nullzinspolitik von Mario Draghi, darüber, wie man junge Leute mit Wirtschaft erreichen kann, über die Themenfindung und Redaktionsarbeit, Kritik gegen die eigene Person und gegen die Arbeit, gute Berichterstattung und Tipps für junge Journalisten.

Es ist ein Thema, das jeden betrifft: Die Nullzinspolitik von Mario Draghi. Im März hat die EZB den Leitzins auf null Prozent gesenkt mit dem Ziel, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Gut für die Konjunktur, sagen die Einen, schlecht für die Sparer die Anderen. Yasmin El-Sharif steht dieser Politik kritisch gegenüber. „Ich glaube, dass wir diese Nullzinspolitik nicht auf Dauer beibehalten können. Aber im Moment sehe ich keinen anderen Ausweg, wenn wir nicht alle anderen Länder abhängen wollen, die eben derzeit nicht so gut dastehen.“

Yasmin El-Sharif stellt sich den Fragen von Moderatoren und Publikum.
Yasmin El-Sharif stellt sich den Fragen von Moderatoren und Publikum.

Wenn Banken Einlagen bei der EZB machen wollen, müssen sie dafür derzeit sogar zahlen, 0,4 Prozent sind es aktuell. Dieses Geld versuchen die Banken über die Weitergabe der Niedrigzinsen an Privatkunden wieder reinzuholen. Während auch die Zinsen für Kunden umstritten sind, sieht El-Sharif das nicht durchweg negativ. „Ich glaube, dass die Banken sehr wohl Gebühren erheben können; andere, transparente Gebühren wie Kontoführungsgebühren. Dann kann sich jeder Sparer eben überlegen, zu welcher Bank er geht. Aber ich finde, gerade auch beim Thema Sparbuch – das ist ja das, womit die Sparkassen seit Jahrzehnten werben – darf man nicht mit den Ängsten spielen. Natürlich müssen sie die Gebühren in irgendeiner Form weitergeben, aber nicht auf diese billige Art.“

Obwohl Yasmin El-Sharif nur noch selten Artikel für Spiegel Online schreibt, hat sie zur Reaktion der deutschen Sparkassen auf Draghis Nullzinspolitik einen Kommentar verfasst, in dem sie die Sparkassen für ihr Verhalten kritisiert. „Die Sparkassen posaunen seit Monaten gegen Draghis Politik und nutzen das eben auch, um ihre Lobbyarbeit zu betreiben, was natürlich ganz normal ist. Aber mich hat das so genervt, dass sie einfach immer wieder damit drohen, Negativzinsen für normale Sparer einzuführen. Natürlich müssen die Sparkassen ordentlich wirtschaften, aber sie werden nie im Leben dazu kommen, Negativzinsen für normale Sparer einzuführen. Und ich finde diese Drohung so dumm, so dämlich, dass man eben auch mit gewissen Ängsten von Sparern spielt.“

Doch genau solche Themen wie die Nullzins-Politik lassen den Bereich Wirtschaft als eher langweilig erscheinen. Das zeigte eine Umfrage unter Studenten auf dem Campus, die zwar SPON lesen, jedoch meistens nur die Schlagzeilen. Dazu hat El-Sharif eine klare Meinung:„Ich glaube, es muss viel früher anfangen, wenn Kinder eben noch nicht Spiegel Online oder bento lesen. In der Schule müsste vermittelt werden, dass Wirtschaft eigentlich ein Kernfach ist. Dann müssen wir irgendwann eingreifen, indem wir Wirtschaft so erklären, dass es auch Leute verstehen, die kein VWL studieren.“

Spiegel Online will dem mit mehr Erklärjournalismus gerecht werden. Mit einem neuen Format in den Ressorts Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sollen komplexe Themen einfach erläutert werden.

„Es gibt ja so Themen, wenn man da nicht rechtzeitig eingestiegen ist, kommt man da nicht mehr mit. Was ist da vor zehn Jahren passiert? Oh, das kann ich ja alles gar nicht mehr nachlesen. Und so geht es Leuten bei Griechenland oder bei der Brexit-Debatte, das betrifft vor allem wirtschaftspolitische Themen.

"Journalismus ist nicht immer nur 'ein cooler Reporter sein', sondern auch Schreibtischarbeit." - Yasmin El-Sharif über den Redaktions-Alltag bei SPON.
„Journalismus ist nicht immer nur ‚ein cooler Reporter sein‘, sondern auch Schreibtischarbeit.“ – Yasmin El-Sharif im Gespräch mit Jule Zentek und Maik Haubrich.

Um den Leser anzusprechen und ein breites Publikum zu erreichen, müssen auch die Themen passen. Bei Spiegel Online gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an die Themenfindung. Zum einen achte man auf Termine und überlege im Voraus je nach Größe und Relevanz der Veranstaltung, was man vorbereiten kann. Zum anderen werden auch Themen von anderen Medien auf die Agenda gesetzt, wie zum Beispiel die Panama Papers von der Süddeutschen Zeitung. „Da hecheln wir hinterher, was doof ist. Aber wir versuchen, neue Ansätze zu finden, versuchen, das eben auch so interessant zu machen, dass die Leser das bei uns lesen wollen. Wir haben natürlich auch Fachredakteure, die eigene Themen finden sollen und es auch tun und teilweise auch Trendgeschichten herauskramen.“

Konferenzen finden beim Spiegel generell getrennt in den Print- und Online-Redaktionen statt. „Wir haben unsere eigenen Themenkonferenzen, im Wirtschaftsressort konferieren wir jeden Morgen kurz und knapp, weil dann die größeren Konferenzen im Anschluss stattfinden. Im Idealfall haben wir immer noch eine Wochenkonferenz im Ressort, in der wir auch über längerfristige Projekte sprechen, größere Reportagen, und auch über Kapazitäten, weil wir nur zehn Leute sind. Da muss man natürlich auch sehr genau schauen, worauf man jemanden ansetzt und was man lieber weglässt.“

Flüchtlinge vom Mindestlohn ausschließen? "Absoluter Blödsinn. Damit spielt man Gruppen gegeneinander aus", sagt Yasmin El-Sharif.
Flüchtlinge vom Mindestlohn ausschließen? „Absoluter Blödsinn. Damit spielt man Gruppen gegeneinander aus“, sagt Yasmin El-Sharif.

Dementsprechend selten gibt es auch gemeinsame Projekte zwischen Print und Online. Yasmin El-Sharif sieht dennoch den Vorteil in so einer Zusammenarbeit. „Ich bin komplett dafür, dass wir mehr zusammenmachen. Ab und zu hat das jetzt auch funktioniert. Wir hatten eine große Armuts-Reportage, das war ein Gemeinschaftsprojekt mit den meisten Mitteln von Spiegel Online. Aber da hat das iPad-Team von Spiegel Online eine animierte Geschichte mit Fotos gemacht. Das ist toll und wurde auch von den Lesern begeistert aufgenommen. Aber sowas können wir nicht immer machen, solange es keine anderen Strukturen gibt, sodass nicht eine Seite über Gebühr belastet wird.“

Was schauen sich Studierende auf SPON an? Wirtschaft lag am Campus der TU Dortmund nicht auf den vorderen Plätzen.
Was schauen sich Studierende auf SPON an? Wirtschaft lag am Campus der TU Dortmund nicht auf den vorderen Plätzen.

Ich war von allen Praktikanten auch schon in der Tagesspiegelzeit regelrecht überwältigt. Manchmal würde ich mir trotzdem ein bisschen mehr Respekt vor der eigentlichen Arbeit wünschen. Natürlich ist Journalismus nicht immer nur ‚ein cooler Reporter sein’, sondern es ist auch Schreibtischarbeit. Es ist auch teilweise langweilig, irgendwelche Datenreihen auseinanderzupflücken und technische Sachen umzusetzen. Aber ansonsten würde ich den Rat mitgeben, dass man sich vom so vielen Negativmeldungen aus Verlagshäusern in Deutschland nicht abschrecken lassen soll.

„Ich glaube, dass der Journalismus eine große Zukunft hat. Dafür braucht man gute junge Leute, die neue Ideen haben und für junge Menschen schreiben, weil sie die Probleme und Herausforderungen junger Menschen viel besser verstehen. “ Sie habe die Erfahrung gemacht, dass viele junge Praktikanten noch unsicher in ihrer Berufswahl sind. Sie rät, nicht zu schnell aufzugeben: „Ich habe gemerkt, dass viele denken, da verdient man nichts Ordentliches mehr und die Jobs sind alle unsicher. Aber das ist falsch, weil der Journalismus auch die schwierigsten Zeiten überleben wird und dafür braucht man sehr gute Leute.“

 

Das Team

Hannah Steinharter, Jule Zentek, Viktor Mülleneisen, Cedrik Pelka, Lara Wantia, Maik Haubrich

IMG_2258

Beitragsbilder: Valentin Dornis/Hannah Steinharter