Kategorie-Archiv: Podiumsdiskussion

Bert Rürup

Die meisten Studenten können mit dem Namen Rürup nichts mehr anfangen. Wenn jemand den Namen zuordnen kann, dann meist im Zusammenhang mit der Rürup-Rente. Wirklich viel über das Rentenmodell oder den Kopf dahinter wissen die meisten aber nicht. Und das, obwohl Bert Rürup als ehemaliger Wirtschaftsweiser enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluss hatte.


Die Rürup-Rente

Die Rürup-Rente ist eine Form der privaten Altersvorsorge und wurde durch Bert Rürup 2005 als Alternative zur Riester-Rente und der klassischen privaten Rentenversicherung ins Leben gerufen. Das Rentensystem bietet einige Steuervorteile, besonders für Menschen, die in ihrer Ansparphase ein hohes zu versteuerndes Einkommen haben.


Dass junge Leute sich noch wenig mit Rentenmodellen und Vorsorge beschäftigen, findet Rürup nicht schlimm. „Wir leben nicht, um vorzusorgen“, sagt Rürup zu Beginn des Gesprächs. Rürup selbst scheint diesem Lebensmotto einem Stück weit zu folgen. Denn trotz seiner bereits 73 Jahre denkt er noch nicht daran, sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen.

Doch woher kommt dieser ständige Drang nach neuen Aufgaben? „Ich habe keine Hobbies, deshalb mache ich einfach weiter“, sagt Rürup trocken. Weiter mit dem, was dem Diplom in wirtschaftlichen Staatswissenschaften 1969 begann. Rürup arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, wurde 1971 promoviert. Es folgten Professuren in ganz Deutschland und internationale Gastprofessuren.

Sein Wissen fand auch in der Politik Anklang. Er arbeitete unter Altkanzler Helmut Schmidt. Eine Zeit, in der er viel gelernt hat, wie Rürup sagt. Er sagt aber auch: „Schmidt war ein schwieriger Chef.“ Auch unter Helmut Kohl hatte Rürup alle Hände voll zu tun. Er beriet die Politik in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten als Wirtschaftsweiser und etablierte sein bis heute umstrittenes Rentensystem.

Das heutige Rentensystem in Deutschland betrachtet Rürup als Flickenteppich. „Wenn wir heute ein komplett neues Rentensystem einführen würden, sähe es sicherlich nicht so aus. Es hat sich mit der Zeit so entwickelt. Viele Bereiche ersetzen oder ergänzen sich und das ergibt ein buntes Konstrukt“, so der Wirtschaftsexperte.

Zeit mit Machmeyer

2009 emeritiere Rürup an der Universität Leipzig und wurde Chefökonom beim Finanzdienstleister AWD. Das sorgte in der Öffentlichkeit für viel Kritik. Schließlich wechselte er aus der politischen Theorie, in der er die Rürup-Rente gestaltete, nun in den praktischen Vertrieb eben jener Produkte. „Mit so viel Gegenwind hatte ich damals nicht gerechnet. Das war schon heftig“, gesteht Rürup. Mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer gründete er wenig später gemeinsam die MaschmeyerRürupAG, eine Beratungsgesellschaft für Banken oder Versicherungen. „Die Zusammenarbeit mit Maschmeyer hat nicht so gut funktioniert“, erzählt Rürup. Nach drei Jahren schied er aus und widmete sich wieder vermehrt der Wissenschaft.

Große berufliche Abwechslung sieht er in seiner Laufbahn jedoch nicht: „Im Grunde genommen habe ich über all die Jahre immer das Gleiche gemacht. Nur eben in verschiedenen Positionen.

Rürup hat in seiner Vergangenheit viele Journalisten kennengelernt und weiß, wie er mit den Medien umgehen muss. Was sein Können im journalistischen Bereich angeht, bleibt er realistisch: Zwar schreibt er regelmäßig Wirtschaftskolumnen, für modernen Online-Journalismus sei er aber zu langsam. „Wir sind wie Hunde. Wir lernen keine neuen Tricks mehr, aber die alten können wir ziemlich gut“, sagt er über sich und andere Ökonomen.

Er glaubt zu wissen, wie er auf kritische Fragen kontert. Er stellt Gegenfragen, korrigiert, erklärt. Zu jeder Frage fällt Rürup eine Geschichte aus seiner Berufslaufbahn oder eine geschichtliche Anekdote ein, präsentiert diese von ihm mit Begeisterung und rhetorischen Kniffen. Am Erklären scheint er so viel Vergnügen zu haben, dass er kaum still sitzen bleiben kann.

Zu Gast bei den Wirtschaftsmachern war der 73-Jährige aber nicht wegen seiner Vergangenheit, sondern vor allem aufgrund seiner aktuellen Beschäftigung. Seit 2016 ist Rürup Chef vom Handelsblatt Research Institut, das im Auftrag wissenschaftliche Analysen im Wirtschaftsbereich anfertigt. Zudem ist er seit Anfang des Jahres Chefökonom beim Handelsblatt und kommentiert in regelmäßigen Abständen aktuelle Themen in der Wirtschaftszeitung.

Klipp und klar Stellung zu beziehen und diese zu halten ist eine Tugend, die er auch in das Gespräch mitbringt. Auf die Frage, warum er 1992 zunächst ein eurokritisches Manifest unterschrieben habe, 1998 aber nicht mehr, antwortet er auch in Bezug auf die heutige Lage der Währungsunion: „Weil es an sich alternativlos ist. Außerdem ist der Euro noch nicht fertig. Ihn zusammenzuhalten verursacht immer noch weit weniger wirtschaftlichen Schaden als es sein Auseinanderfallen tun würde.

Auch die Debatte um die positive Leistungsbilanz Deutschlands sieht er kritisch. Während die USA um Präsident Donald Trump Deutschland vorwerfen, andere Länder mit dem Handelsüberschuss zu schaden, sieht Rürup das Problem ganz woanders. „Unsere Produkte sind einfach zu gut, dass sie uns aus den Händen gerissen werden. Sollen wir jetzt schlechtere Waren herstellen, damit das Ausland nicht mehr so viel kauft?“ Der Überschuss könne nicht durch politische Entscheidungen aus der Welt geschafft werden.

Das Team
Julian Hilgers, Jochen Duwe und Dominik Rosing

Podiumsdiskussion: Finanz-Revolution

Finanz-Revolution – Wer versteht eigentlich noch, was mit unserem Geld passiert? Das war das Thema der Podiumsdiskussion am 26. Mai 2014. Im Seminarraumgebäude I der TU Dortmund diskutierten die drei Gäste aus Wirtschaft und Medien mit dem Moderator, Prof. Dr. Henrik Müller, über die Veränderungen in der Finanzwelt. Die Experten gaben den Studenten einen Einblick in die Umbrüche im Geldsystem. Es standen Nullzinsen, Inflationsangst und neue Finanzblasen zur Debatte. Außerdem stellten die Experten die Medienberichterstattung auf den Prüfstand. Einheitlicher Tenor hier: Ausgebildete Wirtschaftsjournalisten sollten die Themen nicht zu vereinfacht darstellen, sondern ausführlicher und erklärender arbeiten. Nicht zuletzt ist die Krise ein Thema, das alle Menschen betrifft, aber nur die wenigsten verstehen.


Die Gäste

Ulrich Leitermann, Vorstandsvorsitzender Signal Iduna

Ulrich Leitermann

  • *1959
  • Gelernter Bankkaufmann
  • BWL-Studium
  • Steuerberater und Wirtschaftsprüfer
  • Partner bei Ernst & Young
  • Seit 1997 im Vorstand der Signal Versicherungen

Christian Rickens, Wirtschaftschef Spiegel Online

DSC06073 (1) Rickens

  • * 1971
  • Studium der Journalistik und Wirtschaftswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der London School of Economics
  • Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule in München
  • Tätigkeit als Journalist für brand eins, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und manager magazin
  • Tätigkeit als Schriftsteller:
    -„Die neuen Spießer. Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“
    -„Links!  Comeback eines Lebensgefühls“
    -„Ganz oben: Wie Deutschlands Millionäre wirklich leben“

Thomas Fricke, Chief Economist European Climate Foundation

DSC06079 (1) Fricke

  • * 1965
  • Studium der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Paris und Aachen
  • Redakteur und Kolumnist bei Berliner Tagesspiegel, WirtschaftsWoche und manager magazin
  • Chefökonom der Financial Times Deutschland
  • Leiter des Internetportals Wirtschaftswunder
  • Veröffentlichte das Buch „Wie viel Bank braucht der Mensch“


Die Themen

Finanzen und Wirtschaft

Welche Gedanken machst du dir über Wirtschaft und Finanzen?

Verstehst du, was die Banken mit deinem Geld machen? Und vertraust du den Banken und denkst du, dass dein Geld auch später noch etwas wert ist?

Denkst du, dass du noch eine Währungsreform miterleben wirst?


Bei diesem Themenblock stand der Umbau der Finanzsektors im Mittelpunkt. Besonders heftig diskutiert: Lohnt sich Sparen heute noch?

»Es gibt keine Inflation! « (Thomas Fricke)

»Es findet eine schleichende Enteignung der Sparer statt. « (Ulrich Leitermann)

»Wer heute spart, hat einfach Pech! « (Thomas Fricke)

»Wenn alle gleichzeitig sparen, kann keiner wachsen. « (Christian Rickens)

»Kürzen und Sparen hat die Länder an den Rand des Kollapses gebracht. « (Thomas Fricke)

»Wir sind in einer Post-Bubble! « (Thomas Fricke)

»Ihre Generation wird privat Vorsorge treffen müssen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. « (Ulrich Leitermann)

Wirtschaft und Medien

Fühlst du dich gut über Finanzen und Wirtschaft informiert?

Auf welche Art informierst du dich über Wirtschaftsthemen?

Ist die Berichterstattung zu kompliziert?


Welche Qualität hat der Wirtschaftsjournalismus in Deutschland? Mit  Thomas Fricke, Christian Rickens und Henrik Müller bewerteten gleich drei Experten aus der Branche die Lage in der Medienwelt.

»Es ist eine Illusion, dass man mit wenigen Ressourcen die gleiche Zeitung machen kann. « (Thomas Fricke)

»Der Leser interessiert sich für Themen, die sie selbst betreffen. « (Christian Rickens)

»Beim Wettstreit um die größte Schlagzeile geht die Qualität verloren. « (Ulrich Leitermann)

»Worüber wir uns nicht definieren, sind Klick-Zahlen. « (Christian Rickens)

»Ich hätte mir gewünscht, dass wir mehr pluralistischen und kritischen Journalismus haben (Anm.: in Bezug auf die Eurokrise).« (Thomas Fricke)

Krise

Ist die Krise überhaupt vorbei?

Wie bewertest du den Ausweg aus der Krise?

Hast du Angst vor einer neuen Krise?


„Krisen-Gespräch“ im Saal: Auf die Fehleranalyse der letzten Krise folgten Spekulationen über eine neue.

»Es ist noch nicht genug getan. Wahrscheinlich muss erst der nächste Crash kommen. « (Thomas Fricke)

»Ein Marshallplan für Griechenland wäre ein Ansatz. « (Ulrich Leitermann)

»Wir spielen momentan Normalität. « (Christian Rickens)

»Im Finanzmarkt steckt so viel Kreativität, dass man den nächsten Crash erst sieht, wenn es zu spät ist. « (Christian Rickens)

Von Susanne Hoffmann und Franziska Weil