Kategorie-Archiv: 2017

Bert Rürup

Die meisten Studenten können mit dem Namen Rürup nichts mehr anfangen. Wenn jemand den Namen zuordnen kann, dann meist im Zusammenhang mit der Rürup-Rente. Wirklich viel über das Rentenmodell oder den Kopf dahinter wissen die meisten aber nicht. Und das, obwohl Bert Rürup als ehemaliger Wirtschaftsweiser enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluss hatte.


Die Rürup-Rente

Die Rürup-Rente ist eine Form der privaten Altersvorsorge und wurde durch Bert Rürup 2005 als Alternative zur Riester-Rente und der klassischen privaten Rentenversicherung ins Leben gerufen. Das Rentensystem bietet einige Steuervorteile, besonders für Menschen, die in ihrer Ansparphase ein hohes zu versteuerndes Einkommen haben.


Dass junge Leute sich noch wenig mit Rentenmodellen und Vorsorge beschäftigen, findet Rürup nicht schlimm. „Wir leben nicht, um vorzusorgen“, sagt Rürup zu Beginn des Gesprächs. Rürup selbst scheint diesem Lebensmotto einem Stück weit zu folgen. Denn trotz seiner bereits 73 Jahre denkt er noch nicht daran, sich aus der Arbeitswelt zurückzuziehen.

Doch woher kommt dieser ständige Drang nach neuen Aufgaben? „Ich habe keine Hobbies, deshalb mache ich einfach weiter“, sagt Rürup trocken. Weiter mit dem, was dem Diplom in wirtschaftlichen Staatswissenschaften 1969 begann. Rürup arbeitete zunächst an der Universität zu Köln, wurde 1971 promoviert. Es folgten Professuren in ganz Deutschland und internationale Gastprofessuren.

Sein Wissen fand auch in der Politik Anklang. Er arbeitete unter Altkanzler Helmut Schmidt. Eine Zeit, in der er viel gelernt hat, wie Rürup sagt. Er sagt aber auch: „Schmidt war ein schwieriger Chef.“ Auch unter Helmut Kohl hatte Rürup alle Hände voll zu tun. Er beriet die Politik in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten als Wirtschaftsweiser und etablierte sein bis heute umstrittenes Rentensystem.

Das heutige Rentensystem in Deutschland betrachtet Rürup als Flickenteppich. „Wenn wir heute ein komplett neues Rentensystem einführen würden, sähe es sicherlich nicht so aus. Es hat sich mit der Zeit so entwickelt. Viele Bereiche ersetzen oder ergänzen sich und das ergibt ein buntes Konstrukt“, so der Wirtschaftsexperte.

Zeit mit Machmeyer

2009 emeritiere Rürup an der Universität Leipzig und wurde Chefökonom beim Finanzdienstleister AWD. Das sorgte in der Öffentlichkeit für viel Kritik. Schließlich wechselte er aus der politischen Theorie, in der er die Rürup-Rente gestaltete, nun in den praktischen Vertrieb eben jener Produkte. „Mit so viel Gegenwind hatte ich damals nicht gerechnet. Das war schon heftig“, gesteht Rürup. Mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer gründete er wenig später gemeinsam die MaschmeyerRürupAG, eine Beratungsgesellschaft für Banken oder Versicherungen. „Die Zusammenarbeit mit Maschmeyer hat nicht so gut funktioniert“, erzählt Rürup. Nach drei Jahren schied er aus und widmete sich wieder vermehrt der Wissenschaft.

Große berufliche Abwechslung sieht er in seiner Laufbahn jedoch nicht: „Im Grunde genommen habe ich über all die Jahre immer das Gleiche gemacht. Nur eben in verschiedenen Positionen.

Rürup hat in seiner Vergangenheit viele Journalisten kennengelernt und weiß, wie er mit den Medien umgehen muss. Was sein Können im journalistischen Bereich angeht, bleibt er realistisch: Zwar schreibt er regelmäßig Wirtschaftskolumnen, für modernen Online-Journalismus sei er aber zu langsam. „Wir sind wie Hunde. Wir lernen keine neuen Tricks mehr, aber die alten können wir ziemlich gut“, sagt er über sich und andere Ökonomen.

Er glaubt zu wissen, wie er auf kritische Fragen kontert. Er stellt Gegenfragen, korrigiert, erklärt. Zu jeder Frage fällt Rürup eine Geschichte aus seiner Berufslaufbahn oder eine geschichtliche Anekdote ein, präsentiert diese von ihm mit Begeisterung und rhetorischen Kniffen. Am Erklären scheint er so viel Vergnügen zu haben, dass er kaum still sitzen bleiben kann.

Zu Gast bei den Wirtschaftsmachern war der 73-Jährige aber nicht wegen seiner Vergangenheit, sondern vor allem aufgrund seiner aktuellen Beschäftigung. Seit 2016 ist Rürup Chef vom Handelsblatt Research Institut, das im Auftrag wissenschaftliche Analysen im Wirtschaftsbereich anfertigt. Zudem ist er seit Anfang des Jahres Chefökonom beim Handelsblatt und kommentiert in regelmäßigen Abständen aktuelle Themen in der Wirtschaftszeitung.

Klipp und klar Stellung zu beziehen und diese zu halten ist eine Tugend, die er auch in das Gespräch mitbringt. Auf die Frage, warum er 1992 zunächst ein eurokritisches Manifest unterschrieben habe, 1998 aber nicht mehr, antwortet er auch in Bezug auf die heutige Lage der Währungsunion: „Weil es an sich alternativlos ist. Außerdem ist der Euro noch nicht fertig. Ihn zusammenzuhalten verursacht immer noch weit weniger wirtschaftlichen Schaden als es sein Auseinanderfallen tun würde.

Auch die Debatte um die positive Leistungsbilanz Deutschlands sieht er kritisch. Während die USA um Präsident Donald Trump Deutschland vorwerfen, andere Länder mit dem Handelsüberschuss zu schaden, sieht Rürup das Problem ganz woanders. „Unsere Produkte sind einfach zu gut, dass sie uns aus den Händen gerissen werden. Sollen wir jetzt schlechtere Waren herstellen, damit das Ausland nicht mehr so viel kauft?“ Der Überschuss könne nicht durch politische Entscheidungen aus der Welt geschafft werden.

Das Team
Julian Hilgers, Jochen Duwe und Dominik Rosing

Ulrich Reitz

Was genau veranlasst einen anerkannten Experten der Märkte dazu, wirtschaftspolitischen Journalismus zu betreiben? Die Antwort: Qualitative Berichterstattung.  Ulrich Reitz hat schon immer gerne seine eigene Meinung kundgetan und das kommt ihm nicht nur als Journalist, sondern vor allem in seiner Position beim Nachrichtensender n-tv zugute.

„Viele Wege führen in den Journalismus. Welcher genau der richtige ist, kann niemand zu 100 Prozent sagen.“

Ulrich Reitz hat langjährige Erfahrung als Wirtschaftsjournalist. Bevor Reitz 2011 zum TV-Sender n-tv wechselte, arbeitete er als freier Journalist unter anderem für das ZDF, Phoenix, die Wirtschaftswoche sowie die Schweizer Medien Handelszeit und Bilanz. Von 2006 bis 2009 war Reitz Leiter des Redaktionsbüros in Frankfurt beim Wirtschaftsmagazin Capital  sowie dessen Vize-Chef im Unternehmensressort in Köln. Zuvor war er in verschiedenen Funktionen bei der Welt am Sonntag tätig, zuletzt als Leiter des Frankfurter Korrespondentenbüros. Beim Nachrichtensender n-tv ist er nun Leiter der Wirtschaftsredaktion.

Erfahrungen sammeln – das A und O im Journalismus

Um ein guter Journalist oder eine gute Journalistin zu werden lohnt es sich laut Reitz viele Stopps einzulegen und selber auszuprobieren. Denn Erfahrungen sammeln ist das A und O im journalistischen Beruf. Aber wie kam es bei Ulrich Reitz eigentlich zu dem Wechsel von Print zu TV? Für Reitz ist das ganz klar: „Man muss sich neuen Herausforderungen stellen.“

Dabei sei die Umstellung von Print zu TV nicht immer ganz einfach gewesen: Die Inhalte müssten deutlich kompakter dargestellt werden, als dies im Print der Fall sei. Auch die wirtschaftlichen Themenschwerpunkte werden teilweise anders gesetzt, denn: „Man muss mit Bilder erzählen, das macht TV aus. Und ohne gutes Bildmaterial gibt es auch keine gute Story“, sagt Reitz.

Mehr als nur Verbraucherservice

Reitz Aufgabenfeld bei n-tv ist breit gefächert: Neben Wirtschaftsthemen geht es auch um Verbraucherthemen, Unternehmensmeldungen und neue Technologien. Die Telebörse ist das Aushängeschild der Wirtschaftsredaktion. Sie übernimmt quasi die komplette Wirtschaftsberichterstattung. In fast jeder Telebörse wird immer wieder zu den Reportern vor Ort geschaltet, beispielsweise zu den Reportern an der Frankfurter Börse oder in den Abendstunden an die Wall Street. Die Wirtschaftsredaktion ist die größte Redaktion von n-tv.

Beim Thema Crossmedia fährt n-tv allerdings ein ganz eigenes Modell. Während die Kölner Redaktion sich ausschließlich mit Fernsehen befasst, ist die komplette Online-Redaktion outgesourced. n-tv Online wird von der Nachrichtenmanufaktur in Berlin geführt. Trotzdem arbeiten die beiden Unternehmen eng miteinander. Laut Reitz klappt die Kommunikation hervorragend, denn die Wirtschaftsthemen im Fernsehen und Online werden jeden Tag neu aufeinander abgestimmt: „Wir haben täglich Konferenzen in denen die Berliner via Skype dazu geschaltet werden.

„Als Journalist möchte man doch seine eigene Meinung zu Themen darlegen und genau das mache ich.“

Im Format Reitz‘ Worte kommentiert der Leiter der Wirtschaftsredaktion regelmäßig Themen aus der tagesaktuellen Wirtschaftsberichterstattung. Damit könne Reitz seinem Anspruch nach qualitativer Berichterstattung gerecht werden. Immer wieder nimmt er Stellung zu  verschiedenen wirtschaftlichen Themen wie beispielsweise die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank oder Elektromobilität. Dabei ist die Auswahl nicht immer auf die aktuelle wirtschaftliche Situation angepasst. Er greift Themen auf, die in beschäftigen:

Die Verantwortliche Melissa Neu

Georg Restle

Georg Restle ist seit 2012 Redaktionsleiter und Moderator des Politmagazins Monitor. Das mittlerweile über 50 Jahre alte Magazin des WDR steht für investigativen Journalismus wie kaum ein anderes TV-Format. Die erhoffte Wirkung auf die aufwendig recherchierten Stories bleibt allerdings oft aus. Im Interview sprach Georg Restle mit uns über die größten Herausforderungen des investigativen Journalismus und wie man diese angehen kann.

Georg Restle wurde 1965, im Jahr der Erstausstrahlung von Monitor, in der Nähe von Stuttgart geboren. Seine Eltern gehörten zu den vielen Millionen Zuschauern, die die Sendung damals regelmäßig schauten. Ab 1987 studierte Restle Rechtswissenschaften in Freiburg, danach Internationales Recht in London. Schon früh war ihm aber klar, dass er keinen klassischen Juristenberuf ergreifen wollte.

Stattdessen wollte er als Journalist etwas bewegen. Dafür sei das Jurastudium die geeignete Vorbereitung gewesen. „Wer über Politik berichten möchte, muss sich zumindest mit den Grundfragen der Rechtswissenschaften auseinandergesetzt haben“, sagt er im Interview. Seine Kenntnisse des deutschen Rechts seien ein Grund gewesen, warum ihm der WDR nach Abschluss seines Studiums 1994 einen Volontariatsplatz anbot.

Während des Volontariates arbeitete Restle zum ersten Mal in der Monitor-Redaktion, damals unter Leitung von Klaus Bednarz. Diese Zeit bestätigte ihn in seinem Wunsch, investigativ arbeiten zu wollen. Nach dem Volontariat produzierte Restle zahlreiche Filme für verschiedene WDR-Sendungen bis er 2000 fester Teil der Monitor-Redaktion wurde, mittlerweile übernommen von Sonia Mikich.

Diese Stelle gab er erst auf, als ihm 2010 die Auslandskorrespondenz in Moskau angeboten wurde. Das Ausland habe ihn schon immer gereizt und er habe viel gelernt während seiner Zeit in Russland. Doch als ihm 2012 die Leitung der Monitor-Redaktion angeboten wurde, zögerte Restle nicht, nach Köln zurückzukehren. Seitdem arbeitet er daran, bewährte Standards mit neuen Konzepten zu verbinden.

Ist investigativer Journalismus zu unsexy für das Internet?

Eines der ersten Projekte, das Georg Restle als Leiter der Monitor-Redaktion anging, war die Onlinepräsenz des Magazins zu stärken. Im linearen Fernsehen erreicht die Sendung mittlerweile nur noch knapp drei Millionen Zuschauer. Zudem ist der Durchschnittszuschauer über 60 Jahre alt. Die Zuschauerzahlen werden also kaum wachsen.

Deshalb stecke er 30 Prozent seiner Arbeitszeit in die Online-Aufbereitung der recherchierten Stories. Trotzdem bleibt die erhoffte Reaktion oft aus. „Die Komplexität, für die wir stehen, lässt sich einfach nicht auf 140 Zeichen verkürzen“, so Restle. Es werde aber daran gearbeitet, die komplexen Themen immer online-gerechter aufzubereiten. Ein Bericht über die Auswirkungen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Brennelementesteuer heiße deshalb online „Nachschlag für die Atomkonzerne von der Bundesregierung“. Das klinge deutlich sexier. Mittlerweile erreicht Monitor Klickzahlen von bis zu sechs Millionen auf Facebook und liegt damit auf Platz 1 im Vergleich der Politmagazine.

Die Illusion der Neutralität

Neben Monitor-Beiträgen erreicht Georg Restle online auch mit seinen Tagesschau-Kommentaren viele Zuschauer. Viele schätzen an ihm, dass er sich so stark profiliert. Andere werfen ihm mangelnde Neutralität vor. „Neutralität gibt es nicht“, sagt Restle. Als Mensch könne man nie ganz neutral sein und auch als Journalist könne man immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigen. Dabei auf Ausgewogenheit und sorgfältige Recherche zu achten seien viel mehr journalistische Werte, auf die Restle bei seiner Arbeit wert lege.

Doch stellt er sich mit seinen Kommentaren nicht zu sehr in die linke Ecke und vergrault so potenzielle Zuschauer? Ganz im Gegenteil, meint Restle. Durch ihre klar regierungskritische Haltung würde die Sendung mittlerweile sogar von Rechten zitiert werden. Das störe ihn zwar, doch genauso wenig wolle er nur von Linken wahrgenommen werden. Er könne sich gut mit einem Satz von Klaus Bednarz identifizieren: „Ich stehe keiner Partei nahe. Ich stehe den Parteien nur verschieden fern.

Wann ist ein Thema überhaupt relevant für Monitor?

Georg Restle sei es wichtig, viel diskutierten Themen auf den Grund zu gehen. Wenn in den Massenmedien zum Beispiel berichtet wird, dass Flüchtlinge die Kommunen finanziell an ihre Grenzen bringen würden, fragt die Monitor-Redaktion direkt nach. So deckte das Magazin auf, dass nur sehr wenige Kommunen wegen Flüchtlingen unter finanziellem Druck stehen.

Außerdem frage sich Restle bei der Themenfindung immer: „Wo sind Lücken in der Berichterstattung?“ Ein Beispiel: Wenn sich die Berichterstattung über den Kampf gegen den IS darauf beschränkt, dass die irakische Armee immer größere Teile der Stadt Mossul zurückerobert, hat Monitor einen Reporter vor Ort, der darüber berichtet, wie viele Zivilisten diese Eroberung das Leben kostet.

Journalismus als verlängerter Arm politischer Kampagnen

Eine der größten Herausforderungen des Journalismus sei heute das Agenda Setting. Professionelle PR-Agenturen bestimmen, was auf der politischen Agenda steht und zu viele Journalisten würden diese Agenda übernehmen. „So machen sich Journalisten zum verlängerten Arm der Kampagnen, anstatt sie zu hinterfragen.“ Für das Hinterfragen bleibe in Zeiten der Digitalisierung keine Zeit. Es zähle meist nur, wer die Nachricht zuerst bringe.

Georg Restle ist froh, bei Monitor nicht unter solchem Druck zu stehen. Ohne Rundfunkbeiträge könne Monitor nie so unabhängig und intensiv recherchieren und folglich würden viele Missstände nicht aufgedeckt werden. „Eigentlich müsste es das, wofür wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk stehen, global geben.“ Sonst würde der Informationsfluss bald nur noch von Algorithmen à la Facebook bestimmt werden.

Worauf sollten angehende Journalisten achten?

Unabhängig vom Arbeitgeber müsse sich ein Journalist permanent weiterbilden, um komplexe Themen wirklich zu verstehen. Um diese Themen für die Öffentlichkeit interessant zu machen, solle man auch mal etwas wagen, die klassischen Methoden hinterfragen. Vor allem müsse man sich als Journalist heute noch öfter fragen: „Wer will mir was aus welchen Motiven erzählen?

Das Team
Antonius Tix, Leon Kaschel und Julia Güth

Fotos: WDR/ Fulvio Zanettini

Frank Thomsen

Als Journalist könne man Fragen stellen und ihnen auf den Grund gehen, erklärt Frank Thomsen. Das sei einer der Gründe, warum er sich für diesen Beruf entschieden habe. Daneben sei aber noch ein weiterer Grund entscheidend: „Als Journalist ist man frei“, erklärt er. Man müsse nie dableiben, wo man gerade ist. Und doch ist er seit langem beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt. Erst 20 Jahre als Journalist beim Stern, dann ab 2015 als Leiter der Unternehmenskommunikation beim Stern-Verlag Gruner + Jahr und schließlich seit 2016 als Kommunikationschef. In der Gastvortragsreihe „Die Wirtschaftsmacher“ spricht er über seine Zeit als Journalist, seine neue Rolle im Verlag und die Zukunft des Journalismus.

Begonnen hat seine Laufbahn als Journalist in Hamburg. Dort studierte er BWL und Journalistik. Währenddessen sammelte er Erfahrungen durch freie Mitarbeiten bei der Zeit, der FR und epd Medien. Themen seiner Artikel waren meistens Medien an sich. Er schrieb über das Fernsehen, vor allem über das Privatfernsehen. Im Gespräch stellt er mit Blick auf die eigene Vergangenheit fest: Früher stand er Medien und deren Pressevertretern kritisch gegenüber, nun sitzt er auf der anderen Seite und vertritt einen der größten Verlage Deutschlands in der Öffentlichkeit.

Nach Studium der Aufstieg beim Stern

Frank Thomsen schrieb aber nicht nur über Medien. 1996 begann er, passend zu seinem BWL-Studium, als Wirtschaftsjournalist beim Stern zu arbeiten. Schließlich stieg er zum Leiter des Ressorts Politik und Wirtschaft auf. Im Anschluss daran war er sieben Jahre lang stellvertretender Chefredakteur von stern.de, bis er wieder in den Bereich Print wechselte und Ressortleiter des Ressorts Deutschland wurde. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm aus seiner Zeit beim Stern die investigativen Geschichten: So hat er zum Beispiel miterlebt, wie der Stern aufdeckte, dass Lidl seine Mitarbeiter in der Freizeit beschattete. An besondere Interviewgäste denkt er auch gerne zurück, erklärt Thomsen weiter.

Weniger gut in Erinnerung hat er den Skandal um die Hitlertagebücher. Zum einen, weil er erst 13 Jahre nach dem Vorfall beim Stern anfing zu arbeiten, zum anderen weil dies „das schwärzeste Kapitel in der Geschichte des Verlags“ gewesen sei, wie er es ausdrückte. 1983 hatte der Stern die angeblichen Hitlertagebücher veröffentlicht, um kurz darauf festzustellen, dass sie gefälscht waren. Der Vorfall löste einen riesigen Skandal in der Medienwelt aus. „Ich hatte vor Jahren selbst eines der Tagbücher in der Hand“, erklärte Thomsen. Er könne bis heute nicht verstehen, warum man die Bücher für echt gehalten hat.  Seine Vermutung: „Die Besoffenheit hat die Verantwortlichen blind gemacht.“ Man habe wahrscheinlich nicht gewollt, dass andere Medien Wind von der Sache bekommen und deshalb die Geschichte geheim gehalten. Eigentlich müsse alles durch die sogenannte Dokumentation, also den Fakten-Check. Dieser Mechanismus wurde in diesem Fall übergangen. Das sei eine fatale Entscheidung gewesen.

Neuer Job nach 20 Jahren

Nach fast 20 Jahren beim Stern entschied sich Frank Thomsen 2015 für einen Etagenwechsel. Von der Redaktion des Sterns ging es zwei Gebäude-Stockwerke nach oben zum Verlag Gruner + Jahr. Beworben hatte er sich um den Posten nicht. „Meine Chefin hat mich angerufen, sie wollte etwas verändern“, erzählt Thomsen. Über seine neue Rolle als Kommunikationschef sagt er klar: „Ich bin kein Journalist mehr.“ Mit mehr als 10 Leuten ist er jetzt für die Unternehmenskommunikation zuständig. Diese kümmert sich um die Kommunikation nach außen, aber auch um die interne Kommunikation. „Wir verwalten zum Beispiel das Intranet für die Mitarbeiter oder organisieren Meetings.“ Seine jahrelange Erfahrung als Journalist helfe ihm bei der Arbeit – er kenne den Laden und die Leute. Und die Leute kennen ihn. Das sei ein entscheidender Vorteil. „Die Leute wissen: Der war mal einer von uns, der versteht uns.

Ich bin kein Journalist mehr

2016 übernahm Thomsen zudem die Leitung des Marketings. Er muss also auch dafür sorgen, dass sich die Magazine gut verkaufen und am Markt behaupten – keine einfache Aufgabe. In den vergangenen 20 Jahren halbierte sich die Auflage des Sterns von einst 1.250.000 auf heute nur noch 595.000 Exemplare. Das sieht bei vielen Zeitschriften ähnlich aus. Ein Grund dafür sei die Digitalisierung, so Thomsen. An ihr sei nicht nur problematisch, dass der Rezipient kostenlos an Inhalte kommt, sondern auch, dass die Anzeigenkunden ihre Werbung lieber im Netz schalten. Es gebe aber Ausnahmen: Besonders profitabel seien Special-Interest-Zeitschriften. Also Zeitschriften, die nicht, wie der Stern, viele Themen behandeln, sondern sich auf ein Themenfeld spezialisieren. Ein gutes Beispiel dafür sei das Food-Segment, so Thomsen. Also Zeitschriften wie „Chefkoch“ oder „Essen und Trinken“. Hier würden die Auflagezahlen teilweise sogar steigen.

Frank Thomsen spricht über sein Konzept zur Vermakrtung von Magazinen

Eine weitere interessante Entwicklung sei in diesem Zusammenhang ebenfalls zu erkennen: Früher sei es nicht möglich gewesen, mit den heutigen Auflagezahlen vieler Zeitschriften wirtschaftlich zu arbeiten. Das sei heute anders: „Wenn die Auflage bei 100.000 Stück liegt, ist eine Zeitschrift schon rentabel“, erklärt Thomsen. Das sei möglich, weil jeder Schritt im Verlag umgesetzt wird. Und so würden von der ersten Idee bis zum Druck der Zeitschrift nicht einmal 5 Monate vergehen.

Frank Thomsen und der Verlag haben klare Ziele: „Wir wollen der innovativste und kreativste Verlag Deutschlands sein“, stellt er klar. Deshalb bringe man immer wieder neue Zeitschriften auf den Markt. Entweder sie funktionieren oder das Konzept wird angepasst.

Mit Bauchgefühl zur richtigen Idee

Bei der Ideenfindung müsse man sich vor allem daran orientieren, was der Leser gut findet. „Wir versuchen also gewisse Gesellschaftstrends zu erspüren“, so Thomsen. Dabei gehe man mehr nach Bauchgefühl vor, als rein wissenschaftlich oder marktanalytisch. Andererseits müsse man natürlich auch auf solche Faktoren achten. So ist es zum Beispiel Fakt, dass Frauen sich statistisch gesehen deutlich kaufbereiter gegenüber Zeitschriften zeigen, als Männer es tun. „Deshalb haben wir viele Zeitschriften im Angebot, die sich mit Themen beschäftigen, die eher Frauen interessieren“, erklärt Thomsen. Dazu gehören zum Beispiel Brigitte oder Barbara. In der letzten Zeit versuche man aber auch Männerzeitschriften auf den Markt zu bringen. Ein erster Test war die Zeitschrift Wolf. Oder wie Frank Thomsen sie nennt: „Der Gegenentwurf zum Playboy“. Die erste Ausgabe sei erfolgreich gewesen, es wird also eine zweite geben, verrät er im Gespräch. Dass die Themen dieser geschlechterspezifischen Zeitschriften oft sehr oberflächlich sind, stört Thomsen nicht: „Ich finde an dem Journalismus, der bei G+J gemacht wird, nichts peinlich.

Für die Zukunft sucht Gruner + Jahr, wie so viele andere Verlage auch, nach Geschäftsmodellen für den Journalismus. Sein Vorbild dabei: Der Filterkaffee. Der war vor 10 Jahren in einer Krise. Kaum jemand habe noch Filterkaffee gekauft. Schließlich kam jemand auf die Idee, den Kaffee in Kapseln zu packen und mit entsprechenden Maschinen zu verkaufen. Heute haben viele eine solche Maschine zu Hause. So wurde der Filterkaffee gerettet. Nun also müsse man die „Kaffeekapsel des Journalismus“ finden.

Das Team
Till Bücker, Sven Lüüs und Till Krause

Sven Clausen

VWL-Studium an der Uni Köln und der Copenhagen Businessschool abgeschlossen und anschließend die Kölner Journalistenschule besucht: Damit legte Sven Clausen den Grundstein für seine wirtschaftsjournalistische Zukunft. Besonders prägend für seine Karriere war sein Mitwirken am Aufbau der Financial Times in Deutschland (FTD), die 2012 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde. Seit 2014 ist er nun stellvertretender Chefredakteur beim Manager Magazin. Bei den Wirtschaftsmachern hat er erzählt, was bei der FTD besonders im Onlinebereich gefehlt hat und warum es beim Manager Magazin jetzt besser klappt.

Laut Clausen gibt es im Journalismus immer noch große Differenzen zwischen Online und Print. Das Manager Magazin trennt die Redaktionen von Print und Online. Auch die Verantwortung liegt in unterschiedlichen Händen: Clausen ist zum Beispiel Online-Chef. Zwar recherchiert und redigiert er auch im Printbereich, aber die Trennung der Redaktionen hält er für sinnvoll. Er sagt, da das Magazin nur einmal monatlich erscheint, bei Online aber tagesaktuell gearbeitet wird, seien die Prioritäten sehr verschieden. So sind im Magazin längere und intensiver recherchierte Geschichten möglich, der Onlineauftritt muss dagegen jeden Tag gepflegt werden. „Natürlich sind wir Clickbait getrieben“, so Clausen. Reißerische Überschriften und populäre Themen, die auf den ersten Blick nicht viel mit Wirtschaft zu tun haben, werden besonders in den sozialen Netzwerken gut angenommen. Deshalb bekommen sie einen wirtschaftlichen Dreh.

Damit hat das Manager Magazin den Sprung in die Digitalisierung geschafft. Das ist genau das, was die Financial Times Deutschland verpasste, und was laut Clausen unter anderem zu ihrer Einstellung führte. Er glaubt, dies sei der Hauptgrund gewesen, denn das Team war jung und motiviert und glaubte an schwarze Zahlen. Auch er selbst konnte sich immer zum Weitermachen motivieren. Ein Projekt wie die FTD würde er auch wieder wagen, wenn es eine gute Idee gäbe. Dennoch ist die FTD nicht glanzlos und still verschwunden, für das Cover der letzten Ausgabe wurde dem Team sogar der Henri-Nannen-Sonderpreis verliehen.

Sven Clausen Wima
Sven Clausen im Gespräch mit den Studierenden

Was Sven Clausen als Journalisten ausmacht, ist seine investigative Laufbahn. So hat er unter anderem schon als Co-Chef des Investigativ-Teams der Welt-Gruppe gearbeitet. Als unabdingbare Qualitäten dafür nannte er Wissen, Quellenschutz und Freundlichkeit. Wichtig sei vor allem, sich mit den Menschen, die man interviewt, auf Augenhöhe zu befinden.

Bei der Recherche sieht Sven Clausen keine Grenzen. Das betrifft auch die Firmen und Unternehmen, die Werbung im Manager Magazin schalten und dafür bezahlen. Auch wenn diese wegen negativer Berichterstattung drohen, ihre Werbung zu streichen und somit Gelder fehlen könnten, wird der Artikel dennoch veröffentlicht. Denn „für den Journalisten ist nichts davon eine Strafe, solange die Story stimmt“, so Clausen.

 

Das Team
Laura Lang, Patricia Averesch und Lena Meerkötter